Der Regen hatte noch immer nicht nachgelassen. Das Pflaster glänzte inzwischen wie nasses Glas, auch wenn nur eine einzelne Laterne ihr Licht über die schmalen Stufen der Rue des Chanoines warf.
Schatten krochen an den Mauern empor. Sie mahnten zur Umkehr, doch Pater Menoir hastete unbeirrt durch das Labyrinth der Altstadt.
Seine Soutane war längst durchnässt. Der Stoff klebte an seinem Körper und jeder Schritt brannte wie die Wunde an seiner Hüfte. Der Schmerz drohte ihn zu überwältigen, doch er musste weiter, bis er den Schutz der Abtei erreichen würde.
Immer wieder warf er einen Blick über die Schulter.
Der Pater wusste, dass jemand dicht hinter ihm war, auch wenn er ihn weder hören noch sehen konnte. Dafür war sein Verfolger zu geschickt. Es war vielmehr ein inneres Wissen, einem Instinkt gleich, der durch sein Leben im Dienst des Ordens geschärft worden war; ein Orden, der sich seit Jahrhunderten gegen das Unvermeidliche stellte.
Die Gasse führte in eine Kreuzung, dort, wo die Rue de la Calade auf die Rue de l’Hôtel-de-Ville traf.
Eine schwarze Katze huschte über das Pflaster und verschwand zwischen zwei Mülltonnen. Aus einem Fenster drang dumpfe und schrille Musik, die unpassend für diesen altehrwürdigen Ort schien.
Das Licht eines Fahrzeugs blitzte auf.
Kurz duckte sich Menoir in eine Nische, atmete durch und zwang sich zu einer Ruhe, die seine Gedanken nicht finden wollten.
Dann ging er weiter.
Seine Finger verkrampften sich um ein kleines, unscheinbares Päckchen, das er unter seiner Kutte verbarg. Von dessen Inhalt hing die Zukunft seines Ordens ab, wahrscheinlich sogar die Zukunft von allem. Er musste es so lange tragen, bis ein anderer kam, der frei war, weil die Regeln ihn nicht banden. Das war der einzige Grund für seine Mission, der Grund für jedes Opfer, das er noch bringen musste.
Die Lichter der Abtei waren nur noch ein paar Gassen entfernt. Menoir konnte sie beinahe schon sehen. Trotzdem ahnte er allmählich: Es war für ihn zu weit. Er würde sie nicht mehr erreichen. Was geschehen musste, lag nun nicht mehr in seinen Händen. Es nahm seinen Lauf und er konnte es nicht mehr aufhalten.
Seine Beine wurden weich.
Menoir blieb stehen und stützte sich gegen eine Mauer.
Er spürte den kalten Stein unter der Hand, der ihm keinen Halt mehr gab, und sank schließlich erschöpft zu Boden, mit dem Rücken an die Wand gepresst, die noch nicht einmal sein eigener Schatten durchdringen konnte, als sei sogar er für immer an diesem Ort gefangen.
Am Ende der Gasse, halb im Licht einer flackernden Gaslaterne, lehnte derweil eine Gestalt an einem der Gebäude und beobachtete ihn scheinbar gelangweilt. Sie war groß und schlank, fast androgyn, und trug einen schwarzen Mantel. Das Gesicht blieb im Schatten verborgen, bis sich diese Gestalt bewegte, allerdings nicht viel, nur ein paar kurze Schritte.
Menoir regte sich nicht. Wie erstarrt saß er da und sah den Mann auf sich zukommen, bis er ihm ganz nah war.
»Pater«, hörte er eine tiefe und klare Stimme, die von einer merkwürdigen Freundlichkeit getragen war und sich dennoch wie eine Drohung anfühlte. »Welch glücksseliger Zufall, Sie ausgerechnet hier zu treffen. Und dann noch ohne Einladung.«
Das Herz des Paters setzte für einen Moment beinahe aus. Er schluckte und richtete sich auf, obwohl er kaum mehr stehen konnte.
Er kannte diesen Mann besser als ihm lieb war.
Jene, die den Schleier durchdrungen hatten, hatten von ihm erzählt, und auch er selbst war ihm in seinen Träumen schon begegnet. In seinen Augen trug dieser Mann – wenn es denn überhaupt ein menschliches Geschöpf war – die Handschrift der Apokalypse.
»Ich hatte gehofft, wir würden uns nie begegnen«, sagte Menoir.
»Das glaube ich Ihnen gerne, Pater. Aber Sie wissen, wie das mit der Hoffnung ist. Sie stirbt zuletzt. Und manchmal nicht mal dann.«
Ein wissendes Schmunzeln spielte um die Lippen des Fremden, doch seine stechend grünen Augen lächelten nicht. Kälte und Leere spiegelten sich in ihnen, als erblickten sie eine Welt, die an ihrem Ende angelangt war, weil sie längst nicht mehr existieren durfte.
Der Pater wich einen Schritt zurück.
»Was wollen Sie?«, fragte er heiser.
»Das, was wir alle wollen: die Wahrheit. Und noch ein wenig mehr. Ordnung und Klarheit in dieser Welt, die Sie so lange haben vermissen lassen. Und vielleicht auch ein bisschen… Erlösung.«
Der Mann kam näher.
»Sie sprechen in Rätseln«, sagte Menoir gefasst, gleichwohl er nun endgültig wusste, dass er den Prophezeiungen nicht mehr entgehen konnte, schlimmer noch: Dass er diesen Moment selbst heraufbeschworen hatte, indem er genau das verhindern wollte. Nun verstand er auch die Worte seines Großmeisters, dass er immer nur Teil eines Plans gewesen war, der viel größer war als sie alle zusammen.
Nun ließ es sich nicht mehr aufhalten, noch nicht einmal um den Preis seines eigenen Todes. Und doch musste sein Weg in dieser Gasse enden, damit sich ein neuer fand.
Nun hing also alles von dem Einen ab, über den man sagte, dass er das Blut in sich trug und das Gleichgewicht der Welt entweder retten oder zerstören konnte.
Der Pater warf sich vor, nicht früher gehandelt zu haben. Die Zeichen waren alle da gewesen und er hatte ihn sogar schon einmal gesehen, wenn auch nur für einen kurzen Augenblick, als Touristen, der nicht ahnte, dass sein Weg längst vorgezeichnet war. Dennoch hatte er gezögert, vielleicht aus Angst, vielleicht aber auch im Vertrauen darauf, dass es noch andere Wege gab, die leichter zu begehen waren.
Doch er hatte sich geirrt und nun war es zu spät.
Der Fremde neigte den Kopf und schaute den Pater neugierig an, als könne er hören, was dieser in seinen Gedanken vor ihm zu verbergen versuchte.
»Sie denken an ihn, nicht wahr?«, sagte er. »An den Einen, der nie ganz verschwunden war, weil er sich immer hinter seinem Namen versteckte, und dem Ihre Brüder noch immer folgen. Er war in der Kirche, nicht wahr? Haben Sie ihn nach den Fresken gefragt? Nach dem Dämon?«
Menoir blieb stumm. Seine linke Hand fasste intuitiv an das Kreuz, das an einer Kette um seinen Hals hing, während er mit der anderen unter der Kutte das Päckchen fest an sein Herz drückte, in der letzten Hoffnung, dass dieser Mann es nicht bemerkte.
»Ach, Pater«, säuselte die Gestalt. »Noch immer klammern Sie sich an diese alten Symbole. Dabei wissen Sie doch längst: Die Zeit der Zeichen ist vorbei. Jetzt sprechen nur noch Taten.«
Er zog etwas aus der Manteltasche. Es war kein Messer, jedenfalls keines im klassischen Sinn, sondern glich eher einem dünnen und silbrigen Dolch mit seltsamen Einkerbungen an den Rändern. Dieser ähnelte jener Lanze, von der es hieß, sie besiegle unwiderruflich das Ende der alten Ordnung, wenn sie jemals wieder zum Einsatz käme.
Menoir erschrak. Er konnte sich nicht erklären, was er da sah.
»Ich will nicht mit Ihnen kämpfen«, sagte er dennoch ruhig, als fühle er sich noch immer nicht bedroht, weil dieser Mann ihm zwar das Leben nehmen konnte, nicht aber seine Seele.
»Das müssen Sie auch nicht.«
Der Fremde drehte die Klinge sacht zwischen Daumen und Zeigefinger.
»Sie müssen nur reden, Pater. Wer ist es? Wie lautet sein Name? Sie wissen es. Und ich habe nicht unendlich viel Geduld.«
»Ich werde ihn nicht verraten«, entgegnete Menoir fast erleichtert. Darum ging es ihm also, was bedeutete: Es gab noch eine Chance. »Sie werden ihn nicht von mir erfahren. Niemals.«
Kurz schwieg der Mann. Dann trat er näher und legte Menoir, fast brüderlich, eine Hand auf die Schulter. Es war jedoch eine kalte Berührung, als würde Eis über nackte Haut streichen.
»Dann lassen Sie mich raten, Pater: Sie glauben, Ihr Tod schützt ihn? Dass Ihr Orden ohne Sie sehen kann? Dass er allein den Weg finden wird, ohne ihre Führung, ohne ihre Hilfe?«
»Ich glaube an das, was geschrieben steht: Dass keiner das Ziel erlangt, der mit Gewalt es sucht«, antwortete Menoir.
Die Gestalt begann zu lachen, schwach und doch unheimlich zugleich.
»Idealisten«, sagte er. »Es ist rührend. Sie wollen das Richtige tun, ich verstehe das. Aber wie oft hat das Richtige den Lauf der Geschichte aufgehalten?«
Mit einer schnellen Bewegung hielt er dem Pater die Klinge an den Hals. Er tat es nicht fest, nur warnend, schließlich hatte er noch nicht bekommen, wonach er verlangte.
»Das ist Ihre Chance, zu leben. Nutzen Sie sie. Wie ist sein Name?«
»Nein«, hielt Menoir seinen Blicken stand.
Der Mann verstand, ließ von ihm ab und beäugte ihn mit dem wissenden Lächeln eines Jägers, der seine Beute längst erledigt hatte, sich aber noch das Vergnügen gönnte, diese ein wenig leiden zu sehen, bevor er sie tatsächlich erlöste.
Mit einem Ruck stieß er den Pater gegen die Mauer.
Dieser prallte hart auf, keuchte und spürte, wie seine Knie wieder nachgaben. Er wollte nach Hilfe rufen, doch seine Stimme gehorchte ihm nicht mehr.
»Sie opfern sich also tatsächlich für ihn?«, sagte der Fremde.
Einige Zeit stand er schweigend da, als führten sie einen stummen Kampf, der mit Worten nicht zu gewinnen war.
Keiner bewegte sich.
»Oder irre ich mich so sehr in Ihnen?«, sagte der Fremde schließlich, als er sich nach einer Weile zu Menoir beugte und ihm erneut die Klinge an den Hals setzte. »Sind Sie nicht der, von dem ich glaubte, es zu sein? Sind Sie es womöglich gar nicht wert, seinen Namen zu kennen?«
Als der Mann sich nach einer Weile zu Menoir kniete, sah der Pater ihm still und entschlossen in die Augen. Der Fremde verstand und machte eine schnelle Handbewegung.
»Dann sind Sie für mich wertlos.«
Ein dumpfes Gurgeln und ein letztes Röcheln waren zu hören, als der Pater zu Boden sackte, während der Fremde sich erhob und auf ihn herabblickte, als bedauere er, was geschehen war.
»Sie hätten sich besser vorbereiten müssen, Menoir«, sagte er. »Und nun sehen Sie, was Sie stattdessen angerichtet haben.«
Er wollte schon gehen, da fiel sein Blick auf einen unscheinbaren Gegenstand, der dem Pater entglitten war, als er starb; ein kleines Kästchen nur, gezimmert aus edlem Holz und verziert mit feinen Linien, die im flackernden Licht wie Adern aus Silber glänzten.
Er nahm es an sich und öffnete es.
Was er sah, hätte er nicht in einer dieser Gassen der verlorenen Stadt vermutet, die nur noch das letzte Zeugnis einer untergegangenen Zeit war.
»So beginnt also das Schweigen«, flüsterte er und sah hinauf zum Himmel, der sich verdunkelte, während der Regen allmählich nachließ.
Im selben Moment läutete nicht weit entfernt, in der Abtei, die Glocke zur Vesper.
Ein Bruder stieg gerade die schmalen Stufen zur Bibliothek hinab, als er plötzlich innehielt.
Etwas stimmte nicht.
Die Geräusche des nächtlichen Treibens außerhalb der altehrwürdigen Mauern waren verstummt. Selbst der Geruch in diesen Räumen hatte sich verändert, und Menoir war noch immer nicht zurückgekehrt.
Langsam schob er die schwere Eichentür auf.
Der Saal war leer. Auf dem Lesepult vorne lag nur ein einzelnes Blatt, als hätte jemand es bewusst dort zurückgelassen, weil es zu schwer für einen einzelnen Menschen war.
Der Bruder trat näher.
Das Pergament war dünn, fast durchsichtig, und beschrieben mit roter Tinte, die aussah wie geronnenes Blut. Am unteren Rand schimmerte ein blasser Abdruck; ein Zeichen, das nicht hätte auftauchen dürfen.
Seine Hand zuckte zurück.
Der Bruder wurde kreidebleich, weil er wusste, was es bedeutete.
Dieses Zeichen stammte aus einem beinahe schon vergessen Ort, an dem in einer längst vergangenen Zeit begonnen hatte, was sich nun unweigerlich erfüllen musste.
Marie fröstelte. Die Kälte kroch ihr unter die Kleider und dennoch wich sie nicht vom Fleck. Sie zog stattdessen den Mantel fester und blickte angespannt in die Dunkelheit hinaus.
Zwei Fremde hatten sich für diesen Abend angekündigt. Die Nachricht selbst war erst wenige Stunden alt. Ein schweigsamer Bote hatte ihr dieses unscheinbare Schreiben überbracht, das sie nicht weiter beachtet hätte, wenn sie nicht das Siegel gesehen und dessen Bedeutung erkannt hätte.
Die Bewahrer des Lichts.
Für die einen war dieser Name wie ein Gebet, für die anderen war es dagegen ein unausweichliches Urteil.
Zum ersten Mal hatten die Ordensleute aber nicht den Abbé kontaktiert, sondern sie, Marie Dénarnaud. Dabei war sie nur dessen Haushälterin, nicht die Auserwählte. Dennoch stand sie nun hier, vor der Villa, heimlich und verborgen vor dem Mann, den sie noch immer achtete und respektierte. Manche hätten von Liebe gesprochen, doch Marie wusste, dass eine Beziehung unter den Augen der Kirche niemals möglich gewesen wäre. Sie hatten andere Wege gefunden, aufeinander aufzupassen.
Der Wind frischte auf.
Zwei Männer näherten sich in dunklen Umhängen und mit Zylindern, die sie tief ins Gesicht gezogen hatten.
Der eine blieb weiter unten, nahe der Kirche, stehen. Er hatte sich von Marie abgewandt, so als wolle er nicht, dass sie ihn erkannte. Und doch war sie sich sicher, diesen Mann schon einmal gesehen zu haben. Es waren die leicht untersetzte Statur und das rechte Bein, das er beim Gehen etwas nachzog, die ihr seltsam vertraut vorkamen. Nur wusste sie es im Moment nicht einzuordnen.
Der andere Mann kam auf sie zu. Er war groß und schlank. Seine Stimme klang rau, aber nicht unfreundlich.
»Madame Dénarnaud?«, sagte er bestimmt. »Danke, dass Sie unserer Bitte gefolgt sind.«
Marie musterte ihn. Er schien noch recht jung zu sein. Sie schätzte ihn auf höchstens 40 Jahre. Anders als sein Begleiter war er ihr jedoch gänzlich unbekannt, was leicht zu erklären war. Sein Akzent verriet, dass er aus dem Norden kam, wahrscheinlich sogar direkt aus Paris.
»Wer sind Sie?«, erkundigte sie sich.
Ihre Stimme zitterte, denn sie fürchtete sich vor dem nächtlichen Besuch, dessen Grund sie nicht kannte.
»Mein Name spielt keine Rolle.«
Der Bewahrer warf einen schnellen Blick über seine Schulter und erkannte, dass der andere ihm ein kaum sichtbares Zeichen gab. Dann drehte er sich wieder zu Marie.
Im Licht des Mondes, das nun direkt auf sein Gesicht fiel, bemerkte sie eine dünne Narbe, die sich über die rechte Wange erstreckte.
»Wir müssen reden«, sagte der Fremde. »Über Saunière. Über das, was er vorhat.«
Marie schwieg.
»Der Tempel. Es ist… ein Riss in der Ordnung. Wenn er ihn errichtet, beginnen die Schatten zu sprechen.«
»Es ist doch nur ein Gebäude«, flüsterte sie.
»Es ist mehr als das«, entgegnete der Bewahrer. »Es ist… Verrat.«
»Niemals! Saunière ist noch immer ein Mann Gottes!«, wies sie diesen ungeheuerlichen Vorwurf sofort zurück.
»Er ist es nicht mehr, Madame. Wir glauben, er wurde verführt, von jenen, die das Licht fürchten. Von jenen, die kommen, wenn das Zeichen falsch gelesen wird.«
»Sie liegen vollkommen falsch!«, protestierte sie heftig gegen das, was sie eben gehört hatte. »Er dient nicht ihm; er liest regelmäßig die Messe, selbst wenn er krank oder geschwächt ist.«
Der Mann bat sie mit einer einladenden Geste, ihm hinab zur kleinen Grotte zu folgen. Saunière hatte diese mit eigenen Händen als eine stille Ehrerbietung an Maria Magdalena in den Pfarrgarten gebaut, der er sein Herz anvertraut hatte. Dort trat auch der andere Gesandte ins Licht, und Marie erkannte ihn nun: Monsieur de Beauséjour. Der Bischof von Carcassonne. Saunières direkter Vorgesetzter!
»Wir haben lange zugesehen«, sagte der Bischof bedacht. »Doch die Zeit des Schweigens ist vorbei. Saunière war beauftragt, den Schrein zu bewahren. Nun jedoch ist er im Begriff, ihn zu übergeben, weil er dem falschen Herrn dient.«
Marie taumelte. Sie hatte die Botschaft vernommen, doch ihr Herz weigerte sich noch immer, zu glauben.
Saunière sollte ein Teufelsjünger sein?
Das war unmöglich. Das durfte nicht sein.
Und doch waren die Botschafter nicht aus Leichtfertigkeit gekommen. Ihre Worte hatten Gewicht, das wusste sie. Etwas in ihr drohte deshalb zu zerbrechen und sie konnte eine Träne nicht länger zurückhalten. Was sie mit dem Priester geteilt hatte, schien plötzlich bedeutungslos.
Monsieur de Beauséjour griff nach einem Taschentuch und reichte es ihr. Dann zog er ein seltsames Amulett aus seinem Umhang hervor, das an einer goldenen Kette befestigt war. Es bestand aus einem grünen Smaragd, um den sich eine rote Schlange wand, die sich selbst in den Schwanz biss. Zwölf goldene Segmente, angeordnet wie das Zifferblatt einer Uhr, waren durch silberne Fäden verbunden.
»Bitte nehmen Sie das!«, sagte der Bischof.
Marie wischte sich die Träne von der Wange und tat, was er von ihr verlangte.
»Was ist das?«, fragte sie.
»Ein Schlüssel, aber auch eine Prüfung. Und es ist Ihr Schutz, wenn Sie bereit sind, zu tun, was getan werden muss.«
Marie legte sich das Amulett um den Hals. Es war sonderbar leicht. Dann schob sie es unter ihre Kleidung und presste es an ihre Brust. Kaum berührte es ihre Haut, spürte sie eine warme und tröstliche Kraft, die sich in ihrem Körper ausbreitete.
»Was muss ich tun?«, fragte sie. Ihre Stimme klang nun etwas fester und klarer.
»Retten Sie seine Seele – und mit ihr die unsere!«
Sie wollte noch etwas fragen, doch die beiden Männer deuteten an, dass der Worte genug gewechselt waren. Grüßend nahmen sie ihre Zylinder und verschwanden in die Dunkelheit des Abends.
Marie ging zurück in die Villa, die Treppe hinauf, und schaute durch das Fenster hinüber zum Magdalenenturm, der auf der anderen Seite des Gartens stand. Die letzten Tage hatte Saunière fast nur noch dort verbracht. Auch jetzt lief er wieder ruhelos auf und ab. Die Schatten, die sich im Licht der Lampe auf die geschlossenen Vorhänge zeichneten, verrieten es ihr.
Marie öffnete die Tür und setzte vorsichtig einen Schritt in den Garten hinaus. Dann noch einen. Und einen dritten. Es kostete sie Überwindung, mehr als sie glaubte. Auf halbem Weg blieb sie wie angewurzelt stehen. Sie wollte zu ihm, und fühlte sich doch wie gelähmt.
Ein Gedanke hielt sie fest.
Wenn es wirklich stimmte, was die Bewahrer behaupteten, wie sollte sie ihm dann begegnen? Was sollte sie tun?
Sie zog das Amulett hervor und betete, dass es ihr tatsächlich die Kraft schenkte, das Richtige zu tun.
Während sie das tat, öffnete sich die Tür des Turms.
Saunière trat heraus und erschrak, als er sie im Garten sah.
»Marie? Was in Gottes Namen machst du um diese Zeit noch hier draußen? Willst du dir den Tod holen?«
»Den Tod…«, murmelte sie. Mehr brachte sie nicht heraus.
Saunière näherte sich und sah sie prüfend an. Etwas an ihr hatte sich verändert. Sie war blass und ungewöhnlich still. So kannte er seine treue und liebevolle Marie nicht.
»Was ist los mit dir?«, fragte er. »Was hast du?«
Dann fiel sein Blick auf das Amulett. Er griff danach, drehte es in seiner Hand, und begann bitter zu lachen.
»So ist das also!«
Ohne ein weiteres Wort wandte er sich von ihr ab und ging entschlossen zurück zum Magdalenenturm, zurück in sein Reich.
Marie wartete einen Moment, ehe sie ihm schließlich folgte.
Der Abbé saß bereits an seinem Tisch und kritzelte wie besessen etwas auf ein Blatt Papier, als würde es ihn innerlich drängen, seine Gedanken sofort festzuhalten.
»Nun komm schon herein, du frierst ja«, sagte er, ohne aufzusehen. Es klang wie ein Befehl, nicht wie Fürsorge.
Zögerlich trat sie ein und schloss die Tür. Drinnen war es allerdings nicht viel wärmer. Das Kaminfeuer war längst erloschen.
Ihr Herz pochte wild. Nach außen versuchte sie es sich nicht anmerken zu lassen, doch der Abbé war nicht nur Seelsorger, sondern auch geschickter Psychologe, der es verstand, Menschen zu lesen, ganz besonders seine engste Vertraute.
Nach einer Weile, die Tinte war noch nicht getrocknet, lehnte er sich zurück und tat, als wäre nichts gewesen.
Die Wut war einer eigenartigen Stille gewichen.
Marie kannte solche Stimmungsschwankungen. Der Grat zwischen Zuneigung und Verachtung war schmal. Kälte und Wärme lagen nah beieinander. Sie hatte gelernt, mit diesen Ausbrüchen zu leben.
»Wer hat es dir gegeben?«, fragte er fast beiläufig.
Marie wusste nicht, was sie tun sollte. Sie drückte das Amulett fest an ihre Brust und fasste einen Entschluss, egal wie riskant, unnötig oder falsch dieser auch immer sein mochte. Es war die Kraft des Amuletts, die ihr zu verstehen gab, dass sie das Richtige tat, wenn sie ihrem Herzen folgte und ihm alles gestand.
»Ich habe es von den Bewahrern des Lichts erhalten.«
Saunière nickte. Er hatte es gewusst. Mit seiner Frage hatte er lediglich ihre Loyalität auf die Probe gestellt, eine letzte Prüfung, die sie bestanden hatte.
Wieder wandte er sich ab. Und wieder schrieb er ein paar Zeilen auf ein Blatt Papier. Dann stand er auf, trat ans Fenster, blickte hinaus in die Nacht und lachte. Es war ein Lachen, das nicht zu ihm passte. Sein Gesicht wirkte dabei verzerrt, fast fremd und dunkel. Beinahe sogar teuflisch, dachte Marie. Doch im selben Augenblick verwarf sie diesen Gedanken wieder. Vielleicht war es nur das schwache Licht der Lampe, das diesen unheimlichen Eindruck erweckte.
»Die Bewahrer… Sie können es nicht aufhalten«, sagte er schließlich. »Die Offenbarung. Wenn tausend Jahre vorüber sind, wird er freigelassen. Und ich bin ausersehen, es zu tun. Ich öffne den Weg.«
Marie wich fassungslos zurück.
»Du warst ausersehen, zu schützen«, rief sie verzweifelt.
»Glaubst du, er hält die Fäden?«, sagte der Abbé und trat ein Stück näher. Seine Augen funkelten wie wahnsinnig. »Nein. Es ist der Andere. Alpha und Omega, Marie! Anfang und Ende! Denk immer daran, was ich Euch hinterlasse: Par ce signe tu le vaincras! Durch das Zeichen wirst du siegen. Es ist der Schlüssel. Ich kenne ihn, Marie. Ich allein!«
»Das ist Wahnsinn!«
Sie konnte seine Worte nicht begreifen und auch nicht mehr ertragen. Was war nur aus dem Mann geworden, den sie so verehrte? War das wirklich noch der Saunière, den sie liebte?
Als hätte er ihre Unsicherheit gespürt, trat er ein Stück näher, und für einen Augenblick klang seine Stimme wieder wie früher, wie der Mann, dem sie vertraut hatte.
»Marie«, sagte er fast zärtlich. »Du musst es verstehen. Er ist nicht böse. Er ist einfach nur…«, er griff nach dem Amulett und drehte es um, »die andere Seite. Und das ist gut so, denn der eine kann ohne den anderen nicht existieren. Versprich mir, dass Du es verstehst, Marie.«
Unwillkürlich machte sie einen halben Schritt auf ihn zu.
»Das kann ich nicht«, gestand sie. »Er ist der Teufel. Und du bist nicht sein Diener. Du bist...«
Saunière schüttelte verständnislos den Kopf. Dann begannen seine Augen zu funkeln.
»Du wirst es sehen, du wirst es erleben«, fuhr er sie an, das Gesicht plötzlich rot vor Zorn, weil sie nicht begriff, was er ihr zu sagen versuchte. »Wenn sie ihn mit der Lanze stoßen wie einst auf Golgatha. Wenn alles sich wiederholt. Und auch du, Marie, wirst dann entscheiden müssen, auf welcher Seite du stehst!«
Marie konnte nicht mehr. Sie hatte genug gehört und wollte einfach nur noch weg von diesem Menschen, der seine Maske hatte fallen lassen. Saunière, davon war sie jetzt überzeugt, war nicht mehr zu retten. Die Bewahrer hatten in allem Recht. Sie hatte in das fratzenhafte Abbild des Teufels geschaut. So schwer es ihr fiel: Sie musste es aufhalten, sie musste ihn aufhalten, so wie es ihr aufgetragen war.
Sie drehte sich um und rannte so schnell sie konnte hinaus aus dem düsteren Turm, zurück in die Villa, die Treppe hinab, über den Flur in ihr eigenes kleines Reich; in jenes stille Zimmer gegenüber der Küche, das sie sich einst selbst eingerichtet hatte.
Dort angekommen, warf sie die Tür ins Schloss und verriegelte sie. Erst dann ließ sie sich auf das Bett fallen und starrte an die Decke, versunken in ein wildes Durcheinander sie quälender Gedanken.
»Warum?«, fragte sie verzweifelt in die fühlbare Leere des Raumes. »Warum hast du das nur zugelassen?«
Mit letzter Kraft faltete sie die Hände und sprach ein Gebet. Sie bat um Trost und um ein Wunder, das ihr einen Ausweg zeigen könnte. Sie flehte um die Rettung eines verlorenen Menschen, der ihr so viel bedeutete, auch wenn er durch andere Mächte verführt worden war.
Der Gedanke, dass sie nicht genug auf ihn aufgepasst und vor den Einflüssen der Teufelsjünger geschützt hatte, wie es ihr aufgetragen worden war, zehrte an ihren Kräften. Doch das Amulett hatte eine unerklärliche Wirkung. Von ihm ging etwas Beruhigendes aus, das sich mehr und mehr auf ihren Körper übertrug.
Ihre Augenlider wurden allmählich schwer, nicht nur vor Erschöpfung.
Sie bekam nicht mehr mit, wie der Stein des Amuletts, das sie noch immer um ihren Hals trug, zu leuchten begann. Zuerst nur schwach, dann immer stärker, bis die Villa umhüllt war von einem stillen, beschützenden Licht, das nicht grell war, sondern einfach nur da, wie ein Versprechen, geboren aus einer uralten Kraft, das nie ganz erloschen war.
Ein Hauch von Kaffee lag in der Luft, als Mike Dornbach die schwere Glastür aufstieß und das Verlagsgebäude betrat.
Das Foyer war zu dieser frühen Stunde noch fast menschenleer.
»Guten Morgen!«, rief der Portier, ein älterer Mann mit verschmitztem Blick und schlohweißem Haar, und hielt einen weißen Umschlag hoch. »Da ist mal wieder ein Schreiben für Sie abgegeben worden. Sie kann es einfach nicht lassen, was?«
»Leider nein«, sagte Mike, nahm den Brief entgegen und warf einen flüchtigen Blick auf den Absender. Wieder sie, und vermutlich waren es dieselben Vorhaltungen wie immer, dachte er nur.
Kommentarlos zerknüllte Mike den Umschlag, ließ ihn in den nächsten Papierkorb fallen und begab sich zu den Fahrstühlen.
Die Redaktion befand sich im neunten Stock. Hier oben war er in seinem Element, hier galt er etwas. Sie nannten ihn ein Ausnahmetalent, doch es war keine Gabe, sondern das Ergebnis harter Arbeit.
Schon als Kind hatte Mike von diesem Leben geträumt, wenn er mit einem Klemmbrett und dem selbst gebasteltem Presseausweis durch die Wohnung lief, um seiner Familie investigative Fragen zu stellen oder ihnen Ausgaben seiner eigenen Zeitung zu verkaufen.
Damals war es vielleicht nur ein Spiel gewesen, und doch war es auch der Anfang von allem.
Als Student war er dann dem Chefredakteur des Komet begegnet, Walter Stein. Dieser hatte in einem Gastvortrag an der Universität über die Bedeutung der Medien als vierte Macht im Staat gesprochen und erklärt, wie gefährlich es sei, wenn sich Journalisten mit einer Sache gemein machten.
Berichte nur, was ist, und nicht was du für richtig hältst.
So hatte Stein des damals den Studenten aufgetragen, ganz ohne Pathos, aber mit der Aura eines erfahrenen Medienprofis. Er wolle es auch nicht als Belehrung verstanden wissen, hatte Stein noch ausgeführt, sondern als simple Wahrheit, die immer gelte, im Gestern wie auch im Morgen
Wenn er daran zurückdachte, schien Mike dieser Augenblick geradezu schicksalhaft gewesen zu sein, denn Steins Impuls hatte ihm nicht nur geholfen, Karriere zu machen, die beiden Männer hatten sich später sogar näher kennengelernt, beim Komet, wo Mike inzwischen arbeitete. Hier war er zum stellvertretenden Chefredakteur aufgestiegen und Stein war längst zu einem väterlichen Freund geworden.
Beide verstanden sich blind und vertrauten sich, deshalb stutzte Mike, als er den Chefredakteur an diesem Morgen laut fluchend und mit hastigen Schritten durch den Flur poltern hörte. Gewöhnlich kam Stein erst zur Konferenz ins Büro, niemals vorher, doch dieses Mal war alles anders.
Schweißperlen standen ihm auf der Stirn, als er in Mikes Büro stürmte. In der Hand hielt er eine Zeitung, die er vor Mike auf den Tisch schlug.
»Was um Himmels Willen ist in dich gefahren?«, fuhr er ihn an.
Mike wich unwillkürlich zurück. Er war verwirrt und besorgt zugleich.
Stein war kein Mann für solche Auftritte. Normalerweise ruhte er in sich, mit einer Gelassenheit, die nichts und niemand ins Wanken bringen konnte. Es musste also etwas Gravierendes passiert sein, etwas, das ihnen schaden konnte, denn da waren nicht nur Wut und Enttäuschung in seiner Stimme, da war noch etwas anderes, das Mike nicht einordnen konnte. Es klang beinahe wie Angst, oder wie Verzweiflung.
»Ich verstehe nicht. Was meinst du?«, versuchte er deshalb besänftigend auf den Chefredakteur einzuwirken. Sorge um seinen Freund trieb ihn dabei um. Stein war schließlich nicht mehr der Jüngste und die Aufregung schadete ihm zweifellos.
Doch der dachte gar nicht daran, sich zu beruhigen.
»Tu nicht so scheinheilig«, ereiferte er sich. Seine Stimme überschlug sich fast. »Willst du uns alle mit in den Abgrund ziehen? Glaubst du wirklich, sie ist das wert? Bringt es sie zurück, wenn ich dich rauswerfe? Nein, das wird es nicht. Aber du ruinierst damit alles! Deine Karriere, und deine Zukunft.«
»Wie redest du denn mit mir?«
Mikes Stimme wurde nun ebenfalls schärfer. Er war sich keiner Schuld bewusst. Also stemmte er beide Hände auf den Schreibtisch, beugte sich vor und sah Stein ruhig aber unnachgiebig in die Augen.
»Was, verdammt noch mal, ist los mit dir, Walter?«
»Was los ist?«
Offenkundig fassungslos warf Stein ihm die Zeitung entgegen, so heftig, dass sie beinahe auf dem Boden gelandet wäre. Nur Mikes schnelle Reaktion verhinderte es.
»Das hier, mein Lieber. Das hier!«
»Das ist doch die Ausgabe von heute«, sagte Mike.
Sie war ihm vertraut. Sein Team hatte sie geprüft, und auch er war sie vor dem Druck noch einmal durchgegangen, seitenweise und gründlich, wie er es immer tat. Kein Grund also für Steins Wutausbruch.
»Das weiß ich selbst«, fauchte der Chefredakteur und nahm ihm das Blatt wieder aus der Hand. Er blätterte hastig zur Politikseite und schlug sie auf. Dann deutete er auf einen der Artikel.
»Aber wie kommt dieser Schwachsinn hier rein? Was soll das?!«
Mike runzelte die Stirn und ließ den Blick über die Seite gleiten.
An dieser Stelle sollte sein Text stehen, ein Artikel über die aktuelle Haushaltsplanung der Stadt. Ein paar Zahlen nur, leserfreundlich aufbereitet. Ein Kinderspiel, kein Hexenwerk. So dachte er jedenfalls.
Dann jedoch blieb sein Blick an der Überschrift hängen.
Spendensumpf im Rotlichtmilieu, stand da vierspaltig in großen Lettern, darüber ein reißerisches Foto und ein Artikel, der Karrieren zerstören konnte, vor allem seine.
»Was…«, stammelte Mike. »Was… hat das zu bedeuten?«
»Das ist dein Todesurteil«, schimpfte Stein. »Und meines gleich mit!«
Mike rang nach Luft. Die Worte klangen wie die seinen, aber er hatte sie nie geschrieben. Das konnte nur ein schlechter Scherz sein.
Ein Beamter der Landesregierung habe Millionenbeträge ins Rotlichtmilieu geschleust, gedeckt vom Ministerpräsidenten persönlich. Drogengelder, getarnt als Haushaltsposten. So stand es in diesem Text, schwarz auf weiß. Und sein Name war darunter.
»Das… Das habe ich nicht geschrieben!«, stammelte Mike. »Ich kann mir das nicht erklären. Wer zur Hölle hat das verfasst? Und wer hat das durchgewunken?«
Mit jeder weiteren Zeile, die er gelesen hatte, war mehr Farbe aus seinem Gesicht gewichen. Kreidebleich stand er jetzt da.
»Walter, das stammt nicht von mir!«
»Der Ministerpräsident sieht das anders«, erwiderte Stein. »Seine Worte erspare ich dir lieber. Er hat mich aus dem Bett geholt und fordert Klarstellung, und vor allen Dingen… Köpfe.«
Schweigend sahen sie einander an.
Mike fühlte sich hilflos und so leer, wie die Redaktion es noch immer war. Keine Schritte waren auf dem Flur zu hören, kein Tastaturklackern hinter Glas, und auch kein Geplänkel mit den Kollegen, obwohl die erste Konferenz gleich beginnen sollte.
Es schien ein Albtraum, für den es keine Erklärung gab.
Verzweifelt suchte Mike nach Antworten in Steins Gesicht und fand doch nur Ratlosigkeit. Der Chefredakteur sah ihn an, als müsse er entscheiden, ob er Mike noch vertrauen dürfe oder ob er ihn auf der Stelle entlassen musste.
Doch noch gab Mike nicht auf. Es musste eine Erklärung geben und vielleicht war sie nur ein Telefonat entfernt.
Er griff zum Hörer und wählte eine Nummer. Den Lautsprecher schaltete er auf laut. Er wollte bedingungslose Transparenz, schließlich gab es nichts zu verbergen, auch wenn seine Finger nervös auf die Tischplatte trommelten, während es läutete.
Stein stand dicht daneben, den Blick fest auf ihn gerichtet.
»Nanu, Mike? Was treibt dich denn so früh aus dem Bett?«, meldete sich kurz darauf eine vertraute Stimme.
»Marc, ich brauche deine Hilfe!«, sagte er und schilderte knapp den Vorfall, ohne Details zu nennen. Dann stellte er die alles entscheidende Frage: Wer hatte den Artikel durchgewunken?
»Hast du einen Clown gefrühstückt?«, lachte der Mann. Mike dagegen war nicht zu Scherzen aufgelegt.
»Bitte. Es ist wichtig. Stein ist bei mir und hört mit.«
Einen Moment war es still.
»Verstanden«, sagte Marc schnell. »Aber ich kann dir dazu nichts sagen. Ich verbinde dich mit Thorsten. Der hatte gestern Spätschicht.«
»Thorsten?« Den Namen hörte Mike zum ersten Mal.
»Unser Neuzugang. Seit einer Woche ist er da. Du weißt doch.«
Doch Mike wusste es nicht. Und auch Stein schien den Namen noch nie gehört zu haben.
Die Leitung knackte, dann meldete sich eine andere Stimme.
»Seitz hier, was kann ich für Sie tun?«
»Dornbach, Redaktion. Herr Seitz, wir hatten gestern wohl ein Problem mit der…«
»Ein Problem? Sie haben hoffentlich nichts am Druck auszusetzen?«, fiel ihm Seitz sofort ins Wort. »Ich weiß, es gab da noch ´ne Kleinigkeit mit der Farbe. Aber hey, der Artikel sieht doch gut aus. Genau so, wie Sie es wollten!«
Mike stutzte. Doch er hatte sich nicht verhört.
»Wie meinen Sie das?«
»Na der Text! Großes Kino! Meine Frau meinte heute früh noch, sowas hätte sie noch nie gelesen. Respekt, Herr Dornbach. Endlich mal einer mit Rückgrat. Einer, der hinschaut und ausspricht, was Sache ist. Dafür habe ich gestern Abend echt gerne Überstunden gemacht!«
Mike erstarrte. Was wurde hier nur gespielt?
»Den habe ich doch gar nicht…«
»Nicht so bescheiden«, lachte Seitz. »Sie haben uns ganz schön auf Trab gehalten! Ich meine, okay… Sie waren etwas nervös, schon klar, vielleicht auch ein bisschen betrunken. Hat man Ihnen angemerkt. Aber hey, wir waren trotzdem beeindruckt!«
»Was redet er denn da?«, flüsterte Mike.
Stein beobachtete ihn nicht nur prüfend, sondern auch besorgt.
»Zugegeben, Sie waren schon ein bisschen durch den Wind«, fuhr Seitz unbeirrt fort. »Aber sympathisch. Und so menschlich. Wie drückten Sie es noch gleich aus: Humor braucht es besonders dann, wenn es mal eng wird und Nerven gefragt sind. Na ja, und eng wurde es dann ja auch, weil Sie den Artikel fast nicht rechtzeitig fertigbekommen haben, wissen Sie noch? Ihnen fehlte noch die Bestätigung aus einer unabhängigen Quelle!«
Mikes Magen zog sich zusammen. Worte kamen kaum noch über seine Lippen. Er lag auf dem Schafott und das Fallbeil war bereits auf dem Weg nach unten. Warum dem so war? Er wusste es nicht. Alles um ihn herum schien zu verschwimmen. Er konnte sich an nichts davon erinnern. Und doch klang Seitz sehr überzeugend.
»Mensch, was ist denn heute Morgen los mit Ihnen?«, legte dieser sogar noch nach. »Sie sagten doch noch, Sie wollten ein Zeichen setzen. Und dann – zack – war alles entschieden. Wir haben sogar mit Ihnen angestoßen. Weiß nicht mehr, wie viele es am Ende waren… aber das war echt ‘ne gute Stimmung.«
Mike hatte Mühe, zu sprechen. Es fühlte sich an, als habe er sich selbst verloren und dieser Gedanke gefiel ihm nicht.
Er legte augenblicklich auf, ohne noch etwas zu sagen.
Leichenblass saß er nun auf seinem Stuhl, den Telefonhörer krampfhaft mit beiden Händen umklammert und an seine Brust gepresst, als sei es der letzte Halt, der ihm noch geblieben war.
»Das kann doch alles nicht wahr sein!«, sagte er. Doch je mehr er sich zu erinnern versuchte, desto mehr geriet alles ins Wanken. Was eben noch sicher gewesen war, wirkte plötzlich trügerisch und falsch, als hätte jemand in seinem Leben einen ganzen Abschnitt gelöscht.
Mike war zu keinem klaren Gedanken mehr fähig. Sein Kopf schmerzte und es fiel ihm schwer, sich zu konzentrieren.
Vielleicht war es wirklich Zeit, sich einzugestehen, dass er zu viel gewollt hatte. Zuerst die Trennung, dann der Tod seines Vaters und nicht zuletzt die Nächte in den Bars, begleitet von flüchtigem Trost und zu viel Alkohol. Verdrängung statt Verarbeitung. Es war augenscheinlich ein Fehler, der ihn nun alles kosten konnte.
»Walter, du musst mir glauben. Ich habe nicht… Ich weiß nicht mehr…«, wandte er sich hilfesuchend an Stein. »Wie soll das jetzt weitergehen?«
»Du musst erst mal aus der Schusslinie«, antwortete der Chefredakteur. »Es geht nicht anders.«
»Du wirfst mich also raus?«
Mike sah seine Karriere bereits beendet, doch Stein schien den Stab noch nicht endgültig über ihm gebrochen zu haben, aus kollegialer Verbundenheit, vielleicht auch nur aus Freundschaft.
»Du brauchst jetzt Hilfe, keine Kündigung«, sagte er und Mike verstand, dass er ihm einen Weg aufzeigen wollte, bei dem niemand sein Gesicht verlieren musste. »Was immer passiert ist. Du musst zu dir selbst finden. Bis dahin bist du raus.«
»Aber wie soll ich das tun?«
Plötzlich überkam Mike Angst. Seine Arbeit gab ihm Halt, gerade in unruhigen Zeiten, und Stein wollte sie ihm nun nehmen.
Wie sollte er damit umgehen?
»Weiß ich nicht«, sagte Stein. »Gib mir einen Moment. Ich lasse mir etwas einfallen. Und halte dich bis dahin bloß zurück. Keine weiteren Dummheiten bitte.«
Dann verließ er Mikes Büro.
Als er zurückkam, hatte der Redaktionsalltag längst begonnen. Hektik war ausgebrochen, Telefone klingelten, Drucker liefen und Kollegen hetzten von einem Raum in den anderen. Nur Mike starrte fast teilnahmslos auf seinen Bildschirm. Er wirkte wie ein gebrochener Mann, der sich mit seinem Schicksal abgefunden hatte.
»Ich habe eine Idee«, sagte Stein. »Du erinnerst dich an meine Ferienwohnung. Sie ist gerade frei. Da schicken wir dich hin. Raus aus Frankfurt, raus aus Deutschland. Und dann sehen wir weiter.«
»Und was ist damit«, deutete Mike auf den verhängnisvollen Artikel, der noch immer aufgeschlagen vor ihm lag wie ein unabänderliches Urteil. »Das kriegen wir doch nie wieder aus der Welt.«
Stein sah ihn lange an, dann legte er ihm die Hand auf die Schulter. Ob tröstend oder rügend, das wusste Mike nicht. Nur eines machte ihm Hoffnung. Was Stein sagte, klang wie ein Versprechen, an dem er sich festhalten durfte.
»Auch da lasse ich mir noch etwas einfallen.«
Mike senkte den Blick. Er war überrascht von all der Fürsorge, die er nicht erwartet hatte; aber auch tief bewegt von so viel Loyalität. Stein hätte allen Grund gehabt, ihn fallen zu lassen. Stattdessen war er für ihn da. Nicht viele hätten so reagiert.
»Danke«, sagte Mike mit brüchiger Stimme. »Ich weiß echt nicht, wie ich das jemals wiedergutmachen soll.«
»Kopf hoch, mein Freund«, sagte Stein mit einem Lächeln, das irgendwo zwischen Erleichterung und Melancholie lag. »Wenn es so weit ist, wirst du es wissen. Und ich weiß es dann auch.«
»Das heißt, ich komme wieder zurück?«
»Das liegt allein an dir, ob du es schaffst und ob du es willst.«
»Dann komme ich zurück und mache alles wieder gut!«, sagte Mike und umarmte Stein zum Abschied. »Das verspreche ich dir.«
Wenig später verließ er das große graue Gebäude, mit einem letzten Blick über die Schulter.
Nicht weit davon entfernt trat ein Mann unbemerkt aus dem Schatten. Er behielt Mike noch lange im Auge, dann nahm er das Telefon, wählte eine Nummer, und sagte nur:
»Er ist, wo er sein muss. Jetzt liegt alles bei Ihnen.«
Café au lait ou café noir?, erkundigte sich die Bedienung mit einem freundlichen Lächeln. Mike zögerte einen Augenblick, ehe er sich für den Milchkaffee entschied.
»Café au lait, s’il vous plaît, Madame.«
Hier, in einem der unzähligen kleinen Cafés, versteckt inmitten der verwinkelten Altstadtgassen von Rennes, der Hauptstadt der französischen Bretagne, hatte er sich einen Zufluchtsort fernab der Heimat geschaffen. Durch die breite Fensterfront hatte er das bunte Treiben auf den Straßen im Blick. Es waren nicht nur Einheimische unterwegs, sondern auch erstaunlich viele Touristen, die sich von emsigen Stadtführern die Geschichte der Stadt erzählen ließen.
Mike beobachtete, wie diese Leute hastig Fotos machten, die sie später an jene besonderen Momente erinnern sollten, die sie gerade zu verpassen drohten. Wie schade, dachte er. Und doch verstand er diese Leute nur zu gut. Er erkannte sich in ihnen wieder. Zu oft war er selbst Opfer seiner eigenen Rastlosigkeit geworden. Dieses eine Mal wollte er es jedoch anders machen. Er wollte ankommen, innehalten und ganz bei sich sein. Mit jedem Tag gelang ihm das ein wenig besser.
Zum ersten Mal seit langer Zeit war er nicht der gehetzte Reporter, der von Fristen, Terminen und Schlagzeilen getrieben war; nicht der Mann, der seine Redaktion führen und Tag für Tag neue Stoffe liefern musste. Seine Tage in Rennes waren anders. Leichter und befreiend.
Mike ließ sich treiben, spazierte ohne Ziel und verlor sich in den Geschichten der Stadt. Er sog jedes Detail begierig auf: die ehrwürdigen Fassaden, das Spiel von Licht und Schatten an den Mauern und die wohltuende Stille, die so ganz anders war als die Hektik eines Redaktionsbetriebs daheim. Und mit jedem Tag wurde ihm klarer: Nur das Hier und Jetzt zählte, nicht das Gestern und auch nicht das, was er schon längst hinter sich hätte lassen müssen.
Abends, wenn die Straßen sich leerten, fühlte er diese neue Freiheit besonders deutlich. Er schlenderte dann durch die engen Gassen und war dabei fast allein, denn er begegnete dort nur wenigen Menschen. In deren Blicken lag jedoch ein freundliches und unaufdringliches Lächeln, als gehörte er zu ihnen.
Manchmal überkam ihn in solchen Momenten das Gefühl, längst kein Gast mehr zu sein. Vieles wirkte ihm seltsam vertraut, als habe er sein ganzes Leben schon in dieser Stadt verbracht. Dann glaubte er, etwas in den alten Steinen zu spüren. Es war kein greifbares Wissen, wie es in den Büchern stand, sondern eher ein seltsames Flirren, das sich nicht in Worte fassen ließ, als würde sich etwas in ihm und um ihn öffnen. Vielleicht war es nur Einbildung, vielleicht aber auch nicht. Die Stadt hatte ihn jedenfalls gelehrt, neue Eindrücke zuzulassen und zu genießen, auch wenn ihm das anfangs nicht leicht gefallen war.
In der ersten Nacht hatten ihn noch wirre Träume heimgesucht; Erinnerungen, die sich nicht so leicht abschütteln ließen. Auch am Tag war es ein ständiger Kampf. Immer wieder kamen Gedanken an den Skandal auf, den er ausgelöst hatte. Mike zwang sich jedes Mal, sie beiseitezuschieben. Er wollte frei sein und darauf vertrauen, dass Stein die Lage im Griff hatte. Wäre es anders gewesen, hätte er es wohl längst erfahren, auch wenn er bewusst kein Fernsehen sah, und deutsche Medien gab es hier in der Bretagne ohnehin nicht.
Stein war es auch gewesen, der Mike eine Begleiterin vermittelt hatte: Feline, eine junge und charmante Fremdenführerin. Sie sollte ihn während seines Aufenthalts in Rennes auf andere Gedanken bringen, so hatte es ihm der Chefredakteur erklärt. Mike schloss allerdings nicht aus, dass es eine Vorsichtsmaßnahme war. Womöglich hatte sein alter Freund lediglich Angst um ihn und wollte verhindern, dass er sich in der Ferne etwas antat. Doch davon war Mike weit entfernt. Die offene und unkomplizierte Art von Feline tat ihm zudem gut. Sie zeigte ihm eine andere Welt und er ließ sich darauf ein.
Auch heute war sie wieder mit ihm verabredet und wollte in Kürze zu ihm stoßen. Gemeinsam wollten sie dann an die Nordküste fahren, zum Mont-Saint-Michel, ein Benediktiner-Kloster mitten im französischen Wattenmeer. Mike freute sich bereits auf diesen Anblick, doch noch ahnte er nicht, dass dieser Nachmittag anders verlaufen würde, als sie es geplant hatten.
»Voilà! Le café, Monsieur«, servierte die Bedienung und stellte das Getränk vor ihm ab.
»Merci beaucoup!«, sagte er.
Es war sein dritter Besuch in diesem Café, eine Empfehlung von Feline. Bei den Studenten der Stadt, zu denen auch sie zählte, war es beliebt. Mike konnte das gut verstehen. Er fühlte sich wohl zwischen den knarrenden Tischen und Stühlen. Das lockere Ambiente hatte etwas Befreiendes. Nur die kitschigen Ölgemälde an den Wänden hatten ihn anfangs gestört. Sie wirkten seltsam deplatziert. Doch inzwischen hatte er sich auch daran gewöhnt.
Mike nahm einen Schluck von seinem Milchkaffee. Dann hörte er, wie die Tür plötzlich mit einem Krachen aufgerissen wurde.
Er sah hinüber.
Es war nicht Feline, die sich verspätet hatte, sondern ein älterer, untersetzter Mann, kaum größer als 1,65 Meter, der dort im Eingang stand; einer dieser unauffälligen Menschen, von denen man gemeinhin sagt, dass sie überall auftauchen und doch nirgendwo wahrgenommen werden. Er taumelte herein, klammerte sich schwer atmend an den Türknauf und wirkte deshalb, als hätte er sich nach einem endlos langen und quälenden Lauf gerade noch ins Ziel gerettet.
Im Raum wurde es schlagartig still. Die Gespräche der anderen Gäste verstummten. Alle Blicke richteten sich auf den keuchenden Fremden.
Schweiß rann ihm übers Gesicht. Kein Wunder bei dieser Hitze, dachte Mike. Seine Kleidung wirkte angesichts der hochsommerlichen Temperaturen fast grotesk: Er trug eine lange schwarze Hose, einen weißen Rollkragenpullover und darüber ein dunkles Jackett. Ein seltsamer Kerl also, befand Mike, und schien mit diesem Eindruck nicht allein.
Die Frage, wer dieser Mann war und was ihn hierher trieb, lag unausgesprochen in der Luft.
Mike bemerkte, dass der Fremde fieberhaft nach etwas zu suchen begann. Sein Blick huschte gehetzt durch das Café. Und noch ehe er sich darüber im Klaren war, wen oder was der ältere Herr hier zu finden hoffte, kam dieser bereits direkt auf ihn zu.
Der Mann blieb genau vor ihm stehen und mustere ihn eindringlich. Mike richtete sich unwillkürlich auf.
»Sie sind Monsieur Dornbach?«, fragte der Fremde in nahezu akzentfreiem Deutsch. Die anderen Gäste des Cafés widmeten sich derweil wieder ihren Gesprächen. Der stürmische Auftritt des Mannes hatte für sie wohl an Bedeutung verloren.
»Kennen wir uns?«, fragte Mike verwundert. Erst jetzt fiel ihm das kleine silberne Kreuz am Jackett des Mannes auf. Es war kunstvoll gearbeitet und kaum größer als eine Daumenspitze.
»Das ist nicht von Bedeutung. Es reicht, dass ich Sie kenne«, antwortete er knapp. Dabei blickte er sich nervös um und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Das Atmen fiel ihm sichtlich schwer.
»Wollen Sie sich zu mir setzen und einen Moment ausruhen?«, bot Mike deshalb an. Doch der Mann lehnte ab.
»Man darf Sie nicht mit mir sehen. Es ist zu gefährlich.«
Stattdessen streckte er ihm einen versiegelten Umschlag entgegen.
»Nehmen Sie!«, sagte er mit Nachdruck.
Reflexartig griff Mike zu. Warum, das wusste er selbst nicht.
Er war Journalist. Er glaubte an Quellen, Belege und überprüfbare Fakten, doch das hier folgte keiner Logik und keinem System. Dies hier war anders. Etwas an diesem Mann wirkte verstörend, beinahe hypnotisch. Es war deshalb auch keine Bitte gewesen, eher ein stummer Befehl, dem man sich kaum entziehen konnte.
»Und was soll ich damit tun?«, fragte Mike.
Der Fremde beugte sich leicht vor.
»Passen Sie gut darauf auf und warten Sie auf mich!«, sagte er so leise, dass es niemand sonst hören konnte. »Ich bin gleich wieder zurück. Dann erkläre ich Ihnen alles!«
Mehr sagte der Mann nicht. Durch das Fenster schien er etwas entdeckt zu haben, das ihm sichtlich Angst bereitete. Ohne ein weiteres Wort wandte er sich um und verschwand ebenso schnell wie er gekommen war.
Mike überlegte noch, was das gewesen sein mochte, da kam ihm bereits ein erster Gedanke: War dieser Umschlag womöglich Teil eines Spiels, das Feline eingefädelt hatte? Gehörte dieser alte Mann zu ihrem Team? War das eine ihrer verrückten Ideen, alte Geschichte lebendig werden zu lassen? Stein hatte ihn gewarnt, dass diese Fremdenführerin mitunter zu außergewöhnlichen Einfällen neigte und er sich besser darauf einstellen sollte. Das würde natürlich erklären, woher dieser Mann seinen Namen kannte. Feline hatte ihn ihm genannt.
Also ließ er sich auf dieses Spiel ein.
Er wandte sich dem Umschlag zu, der nun auf dem Tisch vor ihm lag. Auf den ersten Blick wirkte dieser unscheinbar. Erst als Mike ihn wendete, bemerkte er ein seltsames, etwa handflächengroßes Emblem, das in das Papier eingebrannt war. Es glich einer Schlange, die sich in den Schwanz biss und so einen Kreis um ein Ziffernblatt bildete. Doch wo sonst Zahlen standen, waren geheimnisvolle Symbole abgebildet; Zeichen, die Mike entfernt an Sternbilder erinnerten.
Das Siegel, das den Umschlag verschloss, bestand aus zwei Worten: Benedictio Sacratissimi. Daneben waren handschriftlich zwei Namen notiert, die beide schwer zu entziffern waren. Doch schließlich gelang es Mike, sie zu lesen: Bérenger Saunière und Rennes-le-Château.
Weiter kam er nicht, denn Feline betrat in diesem Moment das Café.
»Bonjour, Mike!«, rief sie ihm schon von Weitem entgegen. Sie trug ein hellrotes T-Shirt mit der Aufschrift J’aime la vie et l’amour – Ich liebe das Leben und die Liebe – locker über einem weißen Minirock.
»Feline!«, rief Mike, schob den Umschlag unauffällig zur Seite und begrüßte sie herzlich. »Schön, dass du gekommen bist! Setz dich doch einen Moment!«
»Aber nur kurz«, sagte sie. »Wir sind spät dran und ich habe heute noch einiges mit dir vor. Du hast es hoffentlich nicht vergessen.«
»Wo denkst du hin! Ich freue mich schon darauf«, versicherte Mike. »Aber zuerst müssen wir noch etwas klären.«
»Ach ja?«, fragte Feline neugierig. »Was denn?«
In knappen Worten schilderte er, was wenige Minuten zuvor geschehen war. Er tat dabei so, als könne er das Ganze nicht recht einordnen - in der festen Annahme, alles würde sich gleich als harmloser Scherz aufklären.
Doch ihre Reaktion fiel anders aus.
»Na und?«, sagte sie schnippisch. »Du kennst den Typ nicht. Was interessiert uns dann dieser Umschlag? Du bist doch nicht die Post! Und frankiert ist er auch nicht. Sollst du etwa noch das Porto zahlen? Nein, lass gut sein. Komm, wir gehen. Was ich dir heute zeigen will, ist viel spannender als so ein alberner Umschlag. Versprochen!«
»Ich dachte, der Typ könnte vielleicht zu dir gehören?«, war Mike überrascht. »Bist du sicher, dass du nichts damit zu tun hast?«
»Mike!«, schmunzelte sie. »Mich gibt es nur solo. Ich brauche keine Komparsen für das, was ich tue.«
Sie lächelte, doch für einen Moment wirkte es, als müsse sie sich selbst davon überzeugen. In diesen Sekunden schien sich etwas in ihrem Gesicht zu verändern, fast, als habe sie sich widersprochen und wusste es. Doch gleich darauf lächelte sie wieder, und tat es zu unbeschwert, um nicht glaubwürdig zu sein.
Sie meinte es also ernst. Das war Mike jetzt klar.
Einen Moment lang sah er erst sie an, dann den Umschlag.
Wenn Feline tatsächlich nichts damit zu tun hatte, blieb die Frage umso dringlicher: Woher kannte der Fremde seinen Namen?
Mike war sich sicher: Er hatte diesen Mann noch nie gesehen. Und je mehr er darüber nachdachte, desto klarer wurde ihm: Er durfte das nicht einfach abtun. Er musste herausfinden, was hier gespielt wurde und welche Rolle ihm dabei zugedacht war.
»Ein Grund mehr, zu warten«, sagte Mike deshalb entschlossen und hielt Feline zurück, die bereits aufgestanden war, um zu gehen.
»Du bist also genauso neugierig, wie dein Chef«, sagte Feline und nahm wieder Platz. »Wenn Stein sich einmal in eine Sache verbissen hat, kriegt man ihn nicht mehr davon los. Ich hoffe, dir ist klar, dass dich das jetzt einen Kaffee kosten wird.«
»Gewährt«, erwiderte Mike und rief nach der Bedienung. Dann zeigte er Feline den Umschlag und deutete auf die beiden Namen. Wer, wenn nicht sie, könnte mit all ihrer Ortskenntnis vielleicht schon eine erste Antwort geben?
»Sag mal, gibt es hier in Rennes ein Château?«, fragte er und deutete auf den Namen auf dem Umschlag.
»Das ist ein Witz, oder?«, lachte sie. Es klang gequält. Sie schaute zuerst auf die Uhr, als habe sie keine Zeit, sich damit zu befassen, dann antwortete sie doch. »Es gibt viele davon. Vielleicht nicht direkt in der Stadt, aber am Rand durchaus. Das Château de la Monniais vielleicht? Oder das Château La Folie Guillemot? Lohnt sich allemal. Das Château de la Sallette-de-Cucé natürlich genauso. Wenn du willst, arrangiere ich morgen eine kleine Tour. Nur heute…«
»Nein«, bremste Mike. »Nicht so viele… Es muss ein ganz bestimmtes Château sein. Sieh mal hier: Le château. Es klingt... besonders.«
Feline zuckte mit den Schultern.
»Tut mir leid. Da bin ich raus. Ich wüsste jetzt nicht… Oder anders gesagt: Ist das überhaupt wichtig? Nur, weil´s auf einem Umschlag steht, der dir noch nicht mal gehört? Derjenige, der es geschrieben hat, wird schon wissen, welches Château gemeint ist. Kein Grund, sich verrückt zu machen.«
Mike lehnte sich vor und senkte die Stimme. Dabei sah er sie ernst an.
»Er wusste, wer ich bin.«
»Du spinnst doch«, lachte Feline. Sie hielt es für einen Scherz. »So leicht nimmst du mich nicht auf den Arm.«
»Es ist, wie ich sage. Dieser Mann kannte meinen Namen«, erwiderte Mike ruhig, doch weiter kam er nicht. Zwei Männer betraten das Café, ein massiger, durchtrainierter Typ und ein hagerer Begleiter. Beide waren kaum älter als dreißig. Sie waren komplett in Schwarz gekleidet und schienen ihm fast zu kontrolliert für diese Umgebung. Dunkle Sonnenbrillen verdeckten ihre Augen. Sie wirkten inmitten der warmen Farben des Cafés wie aus der Zeit gefallen, als gehörten sie nicht hierher.
Zunächst hätten sie Mike kaum weiter interessiert, doch dann sah er es: An ihren Jacketts trugen beide ein mit glitzernden Steinen besetztes Schmuckstück in der Form eines Pentagramms. Und plötzlich wirkte ihr Auftritt alles andere als zufällig.
Dann meinte Mike ein knappes Nicken in ihre Richtung bemerkt zu haben, während die beiden im Eingangsbereich standen und sich schweigend einen Überblick verschafften. Einen Moment lang musterten sie auch ihn. Es war nur ein Blick, und doch fröstelte es ihn - nicht, weil sie feindlich auf ihn wirkten, sondern weil sie ihn ansahen, als wüssten sie viel mehr über ihn, als er selbst es tat.
Als er ihren Blick ruhig erwiderte, wandten sie sich jedoch ab.
»Hast du die beiden schon mal gesehen?«, fragte Mike. »Der Linke hat dich wohl gegrüßt.«
Einen Sekundenbruchteil lang blickte Feline die beiden an, beinahe zu lange und zu gezielt, um unauffällig zu sein, dann zuckte sie jedoch mit den Schultern.
»Tut mir leid. Ich kenne keinen von beiden. Vielleicht meinte er die Frau hinter mir«, entgegnete Feline achselzuckend. »Eine Kommilitonin, wir treffen uns oft in diesem Café.«
»Sie sieht dir tatsächlich ein wenig ähnlich«, scherzte Mike und ließ es dabei bewenden. Es schien zunächst nicht wichtig. Wen auch immer die beiden suchten, diese Person schien nämlich nicht anwesend zu sein.
Die Männer warfen sich einen kurzen Blick zu. Dann deutete der massige Kerl zur Theke und ging dorthin. Sein Begleiter folgte. Sie bestellten ein Getränk und unterhielten sich mit der Bedienung. Was sie von ihr erfahren hatten, schien sie zufrieden zu stellen.
Der hagere Mann verschwand in Richtung des Toilettenbereichs. Wenig später kehrte er zurück und musterte noch einmal den Raum. Dann hob er kurz den Arm und deutete zum Hinterausgang. Der andere verstand sofort. Ohne ein weiteres Wort verließen beide das Café.
Für einen Moment blieb es still.
Dann sah Mike, wie Feline ihn plötzlich aufmerksam musterte.
»Irgendwas gefällt mir an der Nummer nicht«, sagte sie. Es klang ehrlich, allerdings wusste Mike nicht, ob sie es wirklich ihm sagte, oder ob sie gerade mit sich selbst sprach. Doch er nickte, denn er spürte es ebenfalls.
Die beiden Männer waren nicht einfach als Gäste gekommen. Es hatte einen anderen Grund, dass sie hier waren, und sie waren ganz sicher noch nicht fertig, weder mit diesem Café noch mit ihnen. Mike spürte das bis in die Haarspitzen.
Seine journalistische Neugierde war geweckt. Er musste wissen, was hier geschah, und das hielt ihn an diesem Ort fest, auch wenn Feline allmählich ungeduldig wurde und ihn zum raschen Aufbruch drängte.
»Feline«, redete er auf sie ein. »Wir müssen noch einen Moment warten, es tut mir leid.«
Er griff fester nach dem Umschlag, der noch immer auf dem Tisch lag, und fühlte, wie sein Puls schneller wurde.
Ein Gedanke ließ ihn nicht mehr los.
Ob es dieser Umschlag war, den die beiden gesucht hatten?
In diesem Moment fiel sein Blick zum Fenster. Draußen, an der Ecke gegenüber, stand der hagere Mann. Er war allein. Sein Blick war auf das Café gerichtet. Dann griff er zum Handy und entfernte sich.
Mike wusste nun endgültig: Etwas ging hier vor. Und er war bereits mittendrin.
Erschöpft presste ein Mann die rechte Hand gegen das kalte, rau geschichtete Mauerwerk eines der alten Gebäude unweit der Rue Victor Hugo und entledigte sich seines schwarzen Jacketts. Er streifte es mit zitternden Fingern ab und ließ es ebenso kraftlos wie achtlos auf den verschmutzten Boden fallen. Er wusste ja, dass er es wohl nicht mehr lange brauchte.
Seine Beine wollten kaum noch gehorchen. Jeder einzelne Schritt schmerzte wie der Stich einer zentimeterdicken Nadel, die man ihm wieder und wieder in die Wade rammte. Doch nicht der Schmerz war es, der ihn lähmte. Es war das Wissen, dass er nicht mehr allein war. Selbst hier, in dieser menschenleeren Gasse, fernab des Tagestreibens, konnte er sich nicht mehr sicher sein.
Auch sein Weg war nun zu Ende. Ihm blieb nur die Hoffnung, dass wenigstens noch etwas Zeit war; dass es ihm gelungen war, seinen Verfolger abzuschütteln. Er hatte ihn noch nicht so früh erwartet. Vielleicht war es jene Schwäche, die ihn zögern ließ, die schon seinen Mitbruder das Leben gekostet hatte: Die Suche nach einem anderen Weg, wo die Antwort auf ihre Gebete doch so nah war, dort, im Café, nur wenige Straßen entfernt.
Auch er hätte ihn früher ansprechen müssen, diesen jungen Deutschen, der mehr war als nur ein Tourist. Dessen Schicksal war längst mit dem des Ordens verwoben. Und dennoch hatte er sich erst selbst ein Bild von diesem Mike Dornbach machen wollen, bevor er ihn tatsächlich um die Hilfe bat, die nur er ihnen geben konnte.
Er war ihm auf Schritt und Tritt gefolgt, seit er um dessen Ankunft in Rennes wusste und ohne dass dieser etwas davon mitbekommen hätte. Dafür hatte er gesorgt.
Eigentlich wollte er sich bei nächster Gelegenheit zu erkennen geben und mit dem Journalisten ins Gespräch kommen, wie zufällig, von Geistlichem zu Gast. Alles war vorbereitet. Er wäre ihm noch an diesem Nachmittag begegnet, draußen in der Abtei. Und doch schien genau das nun nicht mehr möglich.
Die Söhne kannten sein Geheimnis, auch wenn er nicht wusste, wie sie es herausgefunden hatten.
Eine Weile verharrte der Mann in seiner Position und schaute immer wieder um sich. Eine ältere Dame kam vorbei. Sie trug einen Korb mit Einkaufswaren in der Hand und grüßte ihn ehrfürchtig, ehe sie hinter einem Hauseingang verschwand. Drüben, am anderen Ende der Gasse, sah er zwischen den Häuserschluchten Jugendliche mit einem Ball kicken. Ansonsten tat sich aber nichts.
Der Mann, der inzwischen wieder etwas zu Kräften gekommen war, bückte sich und wischte behutsam den Staub des Straßenbodens von dem silbernen Kreuz, das an seinem Jackett befestigt war, nahm es ab und küsste es dankbar. Man hatte ihm noch eine Chance gewährt und der Gedanke an Dornbach war wie ein letzter Funke, der ihn aufrichtete.
Er musste so schnell als möglich zurück ins Café, zurück zu diesem Mann, darauf vertrauend, dass er sie nicht im Stich ließ, ganz egal was mit ihm danach geschah.
Das Schicksal dieser Welt lag in den Händen dieses Deutschen, doch Dornbach musste es selbst herausfinden. Der freie Wille stand über allem. Niemand durfte es ihm sagen, keiner ihn dazu drängen, nicht er selbst, und auch nicht seine Gemeinschaft. Es wäre gegen die Regeln.
Langsam machte der Mann sich auf den Weg zurück zum Café, Schritt für Schritt, als müsse er sich selbst aus einem unsichtbaren Bann lösen. Nur eine Straße trennte ihn noch davon.
Schon beinahe am Ziel wähnte er sich in Sicherheit, als eine Stimme unvermittelt die Stille durchbrach; eine Stimme, die er nie zuvor gehört hatte und die er doch besser kannte als sein eigenes Leben.
»Welch freudige Überraschung!«, sagte diese.
Erschrocken drehte sich der Pater um.
Sein Gegenüber hatte er sofort erkannt. Die Schriften hatten ihn exakt beschrieben. Er war es. Der, dessen Namen man mied, selbst im Gebet. Der, von dem es hieß, er wandle zwischen den Schleiern der Welt. Der, dessen Wille wirkte, wo andere längst nicht mehr wagten zu sehen und dessen Ziel kein Gewissen, keine Furcht und keine Grenze kannte. Ein Mann, der nicht nur Jäger, sondern Schicksal war.
»Pater Gérard!«, fuhr dieser Mann fort. Für den Bruchteil einer Sekunde huschte eine Regung über sein Gesicht, als koste es ihn Überwindung, den Namen auszusprechen. »Endlich lernen wir uns kennen. Und dann gleich hier in einer solch trostlosen Ecke. Ich hoffe doch, es geht Ihnen gut?«
Der Pater sagte nichts. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals, als stünde die Zeit still. Nun war also der Moment gekommen, vor dem er sich so sehr gefürchtet hatte. Sie standen sich gegenüber, von Angesicht zu Angesicht.
Sein Verfolger dagegen wirkte gelassen, als sei dies nichts als ein beiläufiger Nachmittag. In seinen Augen war kein Hass zu sehen, noch nicht einmal ein Zeichen von Triumph, nur ein beinahe freundliches Interesse, als habe er einen alten Bekannten auf der Straße getroffen. Doch gerade das machte ihn so gefährlich.
An einen alten Laternenpfahl gelehnt, das Licht seltsam um seine Gestalt gebrochen, spielte er mit einer Klinge, als gehöre das Metall nicht zu einer Waffe, sondern zu ihm selbst. Die Klinge fing das Licht der Sonne ein und ließ es wie ein flirrendes, nervöses Schimmern tanzen, das den Pater blendete.
Die Heilige Lanze. Der Speer des Schicksals.
Gérard hatte sie sofort erkannt, doch er wollte es nicht glauben. Sie lag versiegelt in der Krypta, geschützt hinter Glas und Siegeln. So hatten sie es ihm gesagt, so hatten sie es geschworen. Und doch war sie nun im Besitz dieses Mannes.
»Ich hoffe, Sie sind von diesem Anblick nicht allzu überrascht«, sagte der Fremde. Sein Gesicht blieb reglos, fast wie in Stein gemeißelt. Nur die Augen lebten, als wären sie in ein stechendes Grün getaucht, das so fremdartig und jenseits alles Natürlichen schien, als sei es aus einer Tiefe entsprangen, die nicht mehr zu dieser Welt gehörte.
»Ich weiß um mein Schicksal«, antwortete der Pater. Er hielt den Blicken des Mannes stand, der immer näher kam. »Aber kennen Sie auch das Ihre?«
Ein Lächeln glitt über das Antlitz des Fremden.
»Noch immer die alten Spielchen, Pater?« Seine Worte waren kaum mehr als ein gehauchtes Wispern. »Haben Sie denn wirklich nichts aus Ihrer Geschichte gelernt?«
Der Pater hob das Kinn.
»Er ist mit mir. Seine Macht ist mit mir. Sie können sie nicht brechen. Egal was Sie vorhaben.«
»Au contraire, Pater!«, entgegnete der Mann, den nur noch wenige Zentimeter trennten. Er betrachtete den Gottesmann mit einer Art unheilvollem Wohlwollen, als sähe er in ihm ein Werkzeug, das sich seiner eigenen Bestimmung noch nicht ergeben hatte. »Im Prinzip ist es ganz einfach: Breche ich Sie, breche ich ihn. Es sei denn natürlich, Sie…«
»Was wollen Sie?«, unterbrach ihn der Pater.
Der Fremde lachte. Der Laut schien in der seltsam stillen Gasse viel zu lang nachzuhallen.
»Das wissen Sie doch längst. Seinen Namen. Sein Blut«, sagte er und zuckte scheinbar teilnahmslos mit den Schultern.
Mit einer beinahe spielerischen Bewegung ließ er die Klinge mit der Spitze voran sacht gegen das Herz des Paters gleiten. Er übte keinen Druck aus. Da war nur die kalte Berührung des Metalls als Symbol einer unbekannten Macht. Der Pater sollte sie spüren, aber er wollte ihn nicht verletzen. Noch war es nicht so weit.
»Sie haben sie längst erkannt«, sagte er, als sei es eine unbedeutende Nebensächlichkeit, doch Gérard blieb der Triumph in seiner Stimme nicht verborgen. »Und plötzlich wird Ihnen klar, dass Sie nicht nur einen Mitbruder verloren haben, sondern ihr ganzes Erbe.«
»Wie ist es Ihnen gelungen…« Mehr brachte der Pater nicht heraus. Der Andere ging sofort dazwischen.
»Täuschung, mein werter Freund«, sagte er. »Ich ließ Sie glauben, zu sehen, was Sie zu sehen hofften. Sie hielten das Relikt sicher hinter Glas und Schwur, bis jemand beschloss, es zu entfernen. Und plötzlich scheint die Welt aus den Fugen. Die Schleier sind dünn wie Pergament, Pater. Wie traurig. Vor allem… für Sie.«
»Drohen Sie nur«, erwiderte der Pater standhaft. »Sie werden mich trotzdem nicht dazu bringen, seinen Namen zu offenbaren.«
»Das werden wir noch sehen«, sagte der große, androgyn wirkende Mann. Mit fast zärtlicher Bewegung griff er nach dem Rollkragen des Paters und schnitt ihn auf, als handle es sich um einen bedeutungslosen Faden. »Ich kann spüren, dass er uns in diesem Moment nahe ist. Wer ist es? Wo finde ich ihn?«
Sein Blick war kühl wie die Klinge.
Der Pater schwieg dennoch eisern. Er hatte keine andere Wahl. Das rettende Café war zwar nahe und schien in diesem Moment doch unerreichbar weit entfernt. Er war auf sich gestellt und musste stark sein, selbst als der Mann sein Messer nach oben führte und schließlich unter das Kinn des Geistlichen setzte, wo er die scharfe Klinge andächtig über die dünne Haut gleiten ließ. Tropfen um Tropfen sickerte Blut hervor und rann den Hals hinab.
»Sehen Sie doch nur«, flüsterte der Mann beinahe zärtlich. »Ist das nun Ihr Blut oder doch schon das Blut des Leibes Christi? Was meinen Sie, Pater? Kommt es Ihnen nicht auch so vor, als wäre es erst gestern gewesen? Und nun stellt sich mir natürlich die Frage, wer es dieses Mal ist, der Sie erlösen wird. Sind Sie es selbst? Ist es Ihr heiliger Freund? Oder… vielleicht doch mein kleines Spielzeug hier?«
Der Pater spürte, wie sein Herz raste. Ein dumpfes Pochen breitete sich bis zu seinen Schläfen aus, als sei sein eigener Körper zum Feind geworden. Doch er zwang sich zur Ruhe.
»Sie können mir keine Angst machen, egal was Sie tun«, sagte er mit fester Stimme. Er durfte nicht wanken. Zu viel stand auf dem Spiel.
»Ach, Pater. Sie klammern sich an Worte wie ein Ertrinkender ans Treibholz. Wie tragisch. Und doch so… unterhaltsam.«
»Von mir aus töten Sie mich. Aber ich werde Ihnen nicht sagen, wo Sie ihn finden. Sie werden unterliegen.«
»Sie überschätzen sich maßlos!«, tat der Mann, als verliere er sein Interesse. Mit einer plötzlichen Bewegung stieß er den Pater brutal von sich. Dieser taumelte und schlug hart auf das Kopfsteinpflaster.
Ein scharfes, klares Krachen ertönte, dann spürte der Pater ein schmerzhaftes Brennen am Schädel. Das Blut rann ihm nun auch vom Haaransatz ins Gesicht. Die Gasse schien sich um ihn zu drehen. Geräusche klangen, als höre er sie durch Wasser. Ihm wurde für einen kurzen Moment schwarz vor Augen.
»Welch furchtbares Ungeschick doch im Angesicht Ihres Herrn geschieht«, höhnte der Mann über ihm und streckte dem Pater seine rechte Hand entgegen, kaum war dieser wieder zu sich gekommen, so als wolle er ihm aufhelfen. »Sie sollten besser nicht auf dem kalten Stein sitzen bleiben. Sie holen sich sonst noch den Tod.«
Der Pater griff halb benommen und wider besseren Wissens zu. Es war der Reflex eines Körpers, der überleben wollte, gegen jede Vernunft.
Kaum hatte er zugepackt, spürte der Pater, wie sein Gegenüber ihm das Messer in seine Hände legte und diese fest mit seinen eigenen umschloss. Die Klinge fühlte sich fremd in seinen Fingern an. Sie war nicht für ihn bestimmt. Er durfte sie nicht besitzen, noch nicht einmal halten, ohne daran zu sterben.
»Noch einmal: Wer ist es?«, fragte sein Gegenüber.
»Töten Sie mich, aber ich werde es Ihnen nicht sagen.«
»Dann verrate ich Ihnen jetzt ein Geheimnis«, flüsterte er dem Pater ins Ohr. »Ich brauche Sie nicht. So wie ich Menoir gefunden habe, wie ich auch Sie gefunden habe, werde ich ihn finden. Und wenn ich das getan habe, dann wird sein Blut das meine sein, und das Schicksal wird sich erfüllen.«
Die Klinge begann sich, gelenkt von den Händen dieses androgynen Wesens, zu bewegen. Der Pater hatte keine Kraft mehr, sich dagegen zu wehren. In einem stummen Kampf, den er nur verlieren konnte, bohrte sich die Lanze Zentimeter um Zentimeter in den Leib ihres Opfers, bis der Gottesmann qualvoll wimmernd zusammensackte und kein Leben mehr in dessen Körper schien.
»Selbsttötung also«, dozierte der Mann. »Und ich nahm an, das wäre Ihnen verboten. Wie man sich doch täuschen kann. Grüßen Sie den Vater von mir, wenn er Sie denn noch empfängt. Und richten Sie ihm aus: Das Portal… es ist offen. Und Ihr Zeitalter… es endet jetzt und hier. Und niemand wird es aufhalten. Nicht Sie, nicht Ihre Brüder. Noch nicht einmal das Licht selbst.«
»Hey, Mike!», beschwerte sich Feline lautstark. »Hier bin ich!«
»Entschuldige bitte«, sagte er und schaute auf die Uhr. Wo der alte Mann wohl blieb? »Ich war abgelenkt.«
»Keine Sorge, das hat niemand bemerkt«, konterte sie ironisch. »Also?«
»Also… was?«
»Ich hatte dich etwas gefragt!«
»Und wieder muss ich mich entschuldigen«, sagte Mike.
Er bemerkte erst jetzt, dass er ihr tatsächlich nicht zugehört hatte. Seine Aufmerksamkeit galt der Stadt hinter der großen Fensterfront. Dort hatte sich in den letzten Minuten etwas verändert.
Die Geräusche draußen wirkten gedämpft. Die Menschen bewegten sich hastiger und ihre Gesichter schienen noch angespannter als am Morgen. Zudem lag ein leichter Druck auf seinen Schläfen, als kündige sich etwas an. Oder bildete er sich das nur ein?
»Ich hatte dich gefragt, wann du zuletzt verliebt warst?«
»Das dürfte dich kaum interessieren«, wich Mike aus. Ihm war nicht danach, mit ihr über dieses Thema zu sprechen, auch wenn sie ein gutes Verhältnis zueinander aufgebaut hatten.
»Es ist also noch ganz frisch?«, schlussfolgerte Feline. »Wann habt ihr Euch getrennt?«
»Wie kommst du auf den Gedanken, ich hätte eine Trennung hinter mir?«, fragte Mike überrascht, denn eigentlich kannte sie ihn nur als fröhlichen Menschen.
»Sieh dich doch an: Ein hübscher junger Kerl wie du, offen, redegewandt, charmant, höflich und zuvorkommend…«
»Nicht übertreiben«, murmelte er und zwang sich zu lächeln. »Das klingt nach einer Kontaktanzeige, nicht nach mir.«
»Schlagfertig obendrein«, grinste Feline und lehnte sich zurück. »Ein Mann wie du sollte nicht tagelang allein in der Fremde unterwegs sein. Und wenn er es trotzdem ist, dann ist er meistens auf der Flucht. Liebeskummer, schätze ich. Muss noch ganz frisch sein.«
»Das leitest du aus welchen Indizien ab?«, staunte Mike. Offenbar hatte er ihre Klugheit und Menschenkenntnis unterschätzt. Das machte ihn neugierig, auch wenn er weiterhin abgelenkt war.
Sein Blick fiel auf eine Gestalt, die in eigenartiger Weise die Straße hinab ging, vorbei an der großen Fensterfront. Er konnte das Gesicht jedoch nicht erkennen.
»Es war dein Handy«, sagte Feline.
Mike fiel auf, dass ihre Hände die Tasse ein wenig zu fest hielten.
»Aber das habe ich doch gar nicht bei mir?«
»Eben«, nickte Feline. »Ich habe dich noch nicht ein einziges Mal telefonieren sehen. Keiner ruft dich an, und du willst es offenbar so. Bedeutet: du möchtest in Ruhe gelassen werden. Wann ist das so? Nach einer Trennung. Glaube mir, ich weiß das. Männer sind so leicht zu durchschauen!«
Mike atmete aus und versuchte gute Laune zu zeigen, auch wenn ihm nicht danach zumute war.
»Nicht schlecht«, sagte er nur. »Und wie lautet Ihre Therapie, Frau Doktor?«
»Du musst sie vergessen. Die Welt ist groß. Es gibt so viele von uns da draußen.«
Er wollte schon kontern, doch dann blieb sein Blick am Schriftzug ihres T-Shirts hängen.
»Du meinst«, sagte er nachdenklich, »ich soll die Liebe leben.«
»Manchmal hilft´s ja«, erwiderte Feline und nippte an ihrem Milchkaffee. »Du weißt doch, dass du von mir so einiges lernen kannst, solange du hier bist und ich dich betreuen darf.«
»Ich wusste nicht, dass Walters Auftrag so weit reicht«, versuchte Mike zu scherzen. Er fühlte sich geschmeichelt, wollte auf ihre Avancen aber nicht eingehen, sofern sie überhaupt ernst gemeint waren. Natürlich war eine Frau wie Feline eine Versuchung wert, aber noch war er nicht bereit für etwas Neues, schon gar nicht für eine Affäre, die schon verloren war, ehe sie begann. Irgendwann würde er wieder in Frankfurt an seinem Schreibtisch sitzen, hunderte Kilometer entfernt von Rennes, und damit auch von ihr. Das wollte er nicht.
»Was soll´s«, gestand er deshalb. »Wir haben uns getrennt und ich bin noch nicht darüber hinweg. Das ist alles.«
Feline wollte gerade etwas dazu sagen, als ein markerschütternder Schrei sie unterbrach. Er kam von draußen und war so schrill, dass er mühelos durch die Wände des Cafés drang.
Die Gespräche drinnen verstummten. Das Leben erstarrte. Für einen Moment schienen alle den Atem anzuhalten.
Draußen hetzte eine ältere Frau am Café vorbei. Ihre weiße Bluse war an mehreren Stellen mit dunklem Rot durchtränkt. Fassungslosigkeit stand ihr ins Gesicht geschrieben. Immer wieder stieß sie verzweifelte Schreie aus und riss die blutverschmierten Hände gen Himmel, als könne sie nicht begreifen, was geschehen war. Ein junger Mann eilte zu ihr, um sie zu stützen. Stimmen wurden laut. Menschen blieben stehen, gaben Zeichen und riefen wild durcheinander.
»Um Gottes Willen«, erschrak Feline bei diesem Anblick und zerrte an Mike, in dessen Rücken sich die Szene abspielte. In ihrer Stimme lag nur noch Entsetzen, und für einen winzigen Moment auch echte Angst.
»Sieh doch!«
Mike war schlagartig hellwach. Beim Anblick der Frau zögerte er keine Sekunde. Instinktiv sprang er auf und rannte hinaus, getrieben von einer Mischung aus Hilfsbereitschaft und einer aufkeimenden Ahnung. Feline folgte ihm und auch andere Gäste des Cafés stürmten nun auf die Straße, um nachzusehen, was passiert war.
Während sich die meisten um die schreiende Frau kümmerten, erkannte Mike rasch: Sie selbst war unverletzt. Das viele Blut stammte nicht von ihr. Woher aber dann?
Noch während er darüber nachdachte, erkannte er, wie sich auf der anderen Seite des Platzes innerhalb kurzer Zeit eine weitere Menschentraube bildete, nahe einer Gasse, die - von seiner Position aus - im Schatten der Häuserfront schwer einsehbar war.
Ohne zu wissen warum, war Mike sofort klar, dass er dort gebraucht würde, und dass er keine Sekunde verlieren durfte.
Er rannte los, ohne nachzudenken. Dass er eine viel befahrene Straße überqueren musste, registrierte er zu spät.
Ein weißer Sportwagen schoss heran. Reifen quietschten.
»Pass auf!«, schrie Feline hinter ihm.
Mike spürte den Luftzug. Beinahe hätte ihn der Wagen erfasst und durch die Luft geschleudert.
Für den Bruchteil einer Sekunde hatte er direkt in die starren Augen eines Mannes gesehen. Nordländischer Typ, kaltes Gesicht. Dann war der Wagen vorbei und Mike handelte, als wäre dies nie geschehen.
Er nahm die letzten Meter, die ihn noch von den Leuten trennte, die am Rand der Gasse einen Halbkreis bildeten.
Schockiert und stumm starrten sie auf einen Mann, der reglos mit dem Gesicht nach unten auf dem Pflaster lag. Niemand wagte sich zu ihm. Nur Mike kämpfte sich durch, ohne zu überlegen, was er da tat.
Er fühlte an der Halsschlagader des Mannes den Puls, der kaum noch spürbar war. Seltsamerweise wurde er von keinem der Umstehenden daran gehindert. Vielleicht hielten sie ihn für einen Arzt.
»Können Sie mich hören?«, fragte Mike. Eine Antwort blieb aus.
Zuerst war da nur ein Stöhnen. Dann jedoch bewegte sich der Kopf langsam und mühsam in seine Richtung. Als der Mann Mikes Gesicht erkannte, glitt für einen Moment ein erleichtertes, beinahe glückliches Lächeln über seine blutverschmierte Miene.
»Ich… habe gebetet… dass ich Sie noch einmal sehen darf…«, sagte er. Die Worte kamen abgehackt und waren unterbrochen von schweren Atemzügen.
»Bleiben Sie ruhig«, sagte Mike und versuchte doch nur, seine eigene Unruhe zu verbergen. »Hilfe ist unterwegs.«
»Hilfe… kommt… zu spät«, keuchte der Mann und hustete Blut. Dann gab er Mike ein Zeichen, dass er noch näher kommen sollte, bis sein Ohr fast die Lippen des Mannes berührte.
»Die Dokumente…«, stammelte er, während Mike mit seiner rechten Hand vorsichtig den Kopf des Verletzten stützte. Seine Stimme war noch schwächer geworden.
»Sie sind noch im Café«, sagte Mike.
»Sie… Sie... Sie müssen sie...«, stöhnte der Mann, der kaum noch Luft bekam. »Die Bewahrer des Lichts… bitte… Sicherheit... Sie müssen… in Sicherheit bringen… Zu… zu ihm.«
Es waren seine letzten Worte.
Mike spürte, wie der Kopf des Sterbenden nachgab.
Seltsam friedlich lag der Mann nun da. Seine Züge waren gelöst, als hätte ihn im Tod etwas berührt, das größer war als Schmerz. Und Mike spürte, dass dieser Moment mehr war als nur ein Abschied. Es war, als hätte der Tod des Mannes etwas in ihm in Bewegung gesetzt, das er noch nicht greifen konnte, doch es fühlte sich alt und groß an.
Vorsichtig bettete Mike ihn zurück auf die Straße. Noch einmal tastete er nach dem Puls. Er spürte ihn nicht mehr.
In diesem Moment vergaß er alles um sich herum. Er bekam nicht mehr mit, dass Feline hinter ihm auftauchte und ihn wegzog. Die Sirenen des Krankenwagens klangen wie aus einer anderen Welt. Die herbeieilenden Sanitäter registrierte er nur noch schemenhaft.
Seine Gedanken kreisten einzig um die Worte, die an ihn gerichtet waren.
Er sollte Dokumente in Sicherheit bringen. Diese konnten sich nur in dem Umschlag befinden, schlussfolgerte Mike. Aber wer waren die Bewahrer des Lichts? Und wen hatte der Mann gemeint, als er sagte, er müsse die Dokumente zu ihm bringen? Diesen Saunière, dessen Name auf dem Umschlag stand? Wer aber mochte das sein?
Und wo sollte er diesen Mann finden?
Hallo! Wach auf!
Feline schüttelte Mike heftig an den Schultern. Ihre Stimme bebte.
»Bitte, komm wieder zu dir!«
»Wie...?«
Verwirrt sah Mike sich um.
Es war, als würde er aus einem schlimmen Traum erwachen. Rundherum sperrten Gendarmen den Tatort ab. Sie spannten flatternde Bänder, gaben lautstark Kommandos und drängten die Menge zurück. Mediziner beugten sich bereits über den Toten, wissend, dass sie hier nichts mehr ausrichten konnten.
Erst jetzt bemerkte Mike, dass sie wieder vor dem Café standen. Dass Feline ihn mit viel Mühe hierher gezerrt hatte, hatte er nicht wirklich mitbekommen.
»Was zum Teufel machen wir hier?«, fragte Mike entrüstet und wollte sich losreißen. »Wir müssen sofort zurück! Schnell!«
»Bist du total von Sinnen?«, rief Feline und stemmte sich verzweifelt gegen ihn. Ihre Hände krallten sich in sein T-Shirt. »Was ist denn los mit dir? Da kannst du nichts mehr tun! Der Mann ist tot! Verstehst du denn nicht? Er ist tot!«
Ihre Stimme überschlug sich fast beim letzten Wort. Sie presste die Lippen aufeinander. Ihr Gesicht war blass und die Pupillen waren geweitet. Zum ersten Mal hatte sie einen Menschen sterben sehen. Doch Mike konnte keine Rücksicht darauf nehmen. Er durfte jetzt keine Emotionen zulassen und musste handeln.
»Doch!«, entgegnete er deshalb. »Die Gendarmen... ich muss ihnen sagen, was ich weiß. Sie müssen mir helfen!«
Unwillkürlich fiel sein Blick erneut auf den Schriftzug ihres T-Shirts, der nun wie ein böses Omen über diesem Tag lag. Ich liebe das Leben. Ein bitterer Satz im Angesicht des Todes.
»Was du weißt?« Feline wirkte ratlos. »Du hast nicht gesehen, wie es passiert ist! Was willst du denen denn erzählen? Willst du sie verwirren? Dich selbst noch in Schwierigkeiten bringen?«
Ihre Worte klangen verzweifelt, beinahe flehend, und doch auch klug und überzeugend. Er konnte den Polizisten tatsächlich nichts sagen. Und die Worte des Sterbenden schienen nur für ihn bestimmt gewesen.
Er war die Sache also falsch angegangen.
»Wie immer hast du recht«, sagte er, zwang sich zu einem Lächeln, und küsste Feline flüchtig auf die Stirn, um ihr den Halt zu geben, den sie brauchte, so wie sie jetzt gebraucht wurde. Ohne ihre Hilfe würde er den Empfänger dieses Briefes niemals finden können, und nur darum konnte es noch gehen.
Beide mussten also einen kühlen Kopf bewahren.
Statt mit Gendarmen zu sprechen, würde er zuerst den Umschlag in Sicherheit bringen müssen, überlegte Mike. Das war sein Auftrag. Das war er dem Toten schuldig, auch wenn er diesem Mann nie zuvor begegnet war. Dass dieser seinen Namen gekannt hatte und ihm vertraute, reichte Mike als Grund.
Er lief zurück ins Café, zurück zu seinem Platz. Der Umschlag lag noch immer da. Niemand hatte sich dafür interessiert. Mike nahm ihn an sich und ging wieder hinaus.
Feline wartete. Sie stand da und hielt die Arme verschränkt, als müsse sie sich selbst schützen. Ihre Augen suchten Sicherheit bei ihm, doch Mike war gedanklich längst auf einer privaten Mission unterwegs. Er hatte etwas zu erledigen und die Zeit drängte.
»Ich weiß, ich habe dich das vorhin schon mal gefragt, aber jetzt ist es verdammt wichtig…«, sagte er und versuchte, auch ihren Fokus zu schärfen. »Gibt es in Rennes ein besonderes Château? Oder kennt man hier den Namen Saunière? Wie finden wir raus, wo er wohnt?«
Feline schluckte. Ihre Lippen zitterten leicht, aber auch sie zwang sich, klar zu denken. Und tatsächlich, sie hatte eine Idee.
»Fragen wir im Rathaus? Die Verwaltung könnte es wissen.«
Mike war sofort einverstanden. Nun hatten sie etwas, woran sie beide sich festhalten konnten, ein gemeinsames Ziel, den Place de la Mairie, nur einen Katzensprung entfernt.
In den vergangenen Tagen war Mike schon einige Male über diesen herrlichen Platz geschlendert. Auch das imposante Gebäude mit seinem barocken Turm war ihm vertraut, allerdings nur von außen.
Das sollte sich jetzt ändern.
Hastig betrat er das Rathaus, Feline dicht hinter ihm. Doch weit kamen sie nicht. Gleich im Eingangsbereich wurden sie von einer leger gekleideten Mitarbeiterin gestoppt. Sie saß hinter einer Glasscheibe und war gerade damit beschäftigt, einige Akten zu sortieren. Sie winkte die beiden zu sich und wollte wissen, was sie denn für sie tun könne.
Feline wollte es gerade erklären, doch Mike kam ihr zuvor.
»Pardon, Madame. Je cherche un certain château… ici à Rennes.«
Mit angespannter Stimme versuchte er, der Frau klarzumachen, dass er sich nach dem Château von Rennes und dessen Besitzer erkundigen wollte. Seinen Akzent konnte er dabei nicht verbergen.
»Ah, Sie sind aus Allemagne?«, fragte die Frau höflich in brüchigem Deutsch.
»Aus Frankfurt!«, antwortete Mike, aufgeregt und zugleich erleichtert, dass sie seine Sprache verstand. »Mein Name ist Mike Dornbach. Eigentlich Michael, aber das ist jetzt nicht entscheidend. Wir suchen…«
»Frankfurt?«, unterbrach sie ihn begeistert. »Das ist ja ein, wie sagt man bei Ihnen, netter Zufall? Mein Sohn macht dort seine Studien gerade und mein Bruder hatte kürzlich zu tun in der Stadt! Er liebt Frankfurt, es ist geworden seine zweite Heimat, Monsieur.«
Mike rang sich ein Lächeln ab. Small Talk war das Letzte, was er jetzt wollte, aber die Frau war ihm sympathisch. Er hörte geduldig zu, wie sie von ihren Besuchen im Spessart erzählte und wie wunderschön die Gegend doch sei, in der er lebte. Schließlich beendete sie das Thema von selbst, ehe Mike hätte eingreifen müssen.
»Aber lassen wir das Sprechen über Ihre Heimat, Monsieur. Sie sind gekommen, weil Sie haben eine Frage?«
»Oui, Madame. Wir suchen das Château in Rennes. Eines, in dem ein gewisser Monsieur Saunière wohnt.«
Er reichte ihr den Umschlag und deutete auf die Namen.
Die Dame griff nach einer Brille und setzte sie auf, um die Schrift besser erkennen zu können.
Irgendetwas hatte sich danach verändert.
Für einen Sekundenbruchteil war da etwas, das nicht dort sein sollte: eine Regung, die Mike nicht deuten konnte. War die Frau tatsächlich irritiert, fühlte sie sich schuldig oder erinnerte sie sich nur an etwas, über das sie nicht sprechen durfte?
Die Frau musterte ihn einen Moment lang. Ein Ausdruck von Überraschung, fast Unsicherheit, huschte über ihr Gesicht. Dann reichte sie ihm den Umschlag zurück. Der Tonfall in ihrer Stimme war schlagartig kühler geworden. Das freundliche Interesse war nüchterner Sachlichkeit gewichen.
»Entschuldigen Sie mich, ich muss kurz telefonieren.«
Ohne weitere Erklärung stand sie auf und verschwand in einen angrenzenden Raum. Die Glastür fiel hinter ihr ins Schloss.
Sekunden verstrichen und jede einzelne zog sich endlos dahin.
Durch die Scheibe hörte Mike ihre gedämpfte Stimme, konnte aber kein Wort verstehen. Er spürte nur, wie sich seine Muskeln anspannten, als wären sie jederzeit zur Flucht bereit. Der Mord hatte Spuren hinterlassen, nicht nur bei ihm. Feline schien es nicht anders zu ergehen.
Nach einer gefühlten Ewigkeit kehrte die Frau zurück.
Langsam setzte sie sich, nahm die Brille ab, und hielt sie in beiden Händen. Dabei stützte sie sich mit den Ellbogen auf den Tisch. Und plötzlich war sie wieder da, diese überschwängliche Freundlichkeit.
»Monsieur! Das ist ein Missverständnis«, sagte sie.
»Ein Missverständnis?«
»Ja! Eine Verwechslung. Sehen Sie: Hier es sich handelt um Rennes-le-Château!«
Sie zog eine Landkarte hervor und breitete sie mit bedächtiger Geste auf dem Tisch aus. Ihr Finger glitt langsam über das Papier, bis er auf einen winzigen Punkt nahe der Mittelmeerküste im Süden zeigte.
»Das ist ein kleiner Ort am Rande der Pyrenäen. Den meinen Sie?«
Mike betrachtete die Karte.
Die Frau schien ihn ebenso aufmerksam wie kontrolliert zu beobachten. Das machte ihn nervös, doch letztlich spielte es keine Rolle. Er hatte jetzt eine Spur: Ein kleines Dorf, das überschaubar groß war. Dort würde er Bérenger Saunière leicht finden. Dort warteten Antworten auf ihn.
»Ich kann Ihnen nicht genug danken!«, sagte Mike erleichtert und sah zu Feline. »Kommst du mit?«
»Wenn Sie dorthin fahren möchten, können Sie diese Karte gerne mitnehmen«, bot die Dame an.
»Wenn das möglich ist?«, nahm Mike dankend an.
»Bien sûr!«, sagte sie. Auf jeden Fall.
Mit ruhiger Hand zog sie einen Kreis um Rennes-le-Château.
»Damit Sie können den Ort besser finden!«
Mike faltete die Karte und verabschiedete sich.
Als sie zur Tür gingen, warf er einen letzten Blick zurück.
Die Frau hatte erneut den Hörer in der Hand. Für einen Moment kreuzten sich ihre Blicke. Ein eiskalter Schauer lief ihm über den Rücken. Doch er zwang sich, weiterzugehen. Es war nicht die Zeit, sich von vagen Eindrücken aufhalten zu lassen.
Feline dagegen blieb abrupt stehen. Ihre Stirn war gezeichnet von tiefen Falten.
»Was ist los mit dir?«, fragte Mike.
Feline schaute zurück zum Eingang.
»Vielleicht ist es nichts…«, sagte sie zögerlich. »Vielleicht ist es aber auch genau das. Findest du es nicht seltsam, dass diese Frau ein kleines Dorf irgendwo in Südfrankreich kannte? Ich meine… die wissen sicher viel hier, aber das… war doch merkwürdig.«
»Sie hat nachgefragt. Hast du doch gesehen.«
Feline schüttelte kaum merklich den Kopf.
»Ich habe gesehen, wie sie gezögert hat. Wie sie den Umschlag angeschaut hat… als wisse sie mehr, als sie sagt. Und dann dieses Telefonat… als müsste sie sich erst absichern. Mike… da ist gerade ein Mann gestorben. Sollte man da nicht etwas vorsichtiger sein?«
Mike schwieg. Ein Teil in ihm gab ihr recht. Doch er konnte sich solche Gedanken jetzt nicht leisten. Es ging um mehr. Er wurde gebraucht. Dem hatte sich alles andere unterzuordnen.
»Du malst den Teufel an die Wand«, sagte er deshalb. Doch die Worte klangen leer. Kaum hatte er sie ausgesprochen, wusste er, wie sehr.
Feline hatte etwas gespürt, aus gutem Grund. Etwas an der ganzen Situation war falsch gewesen. Es lief überraschend glatt. Doch er durfte es sich nicht eingestehen, nicht, solange es für alles noch eine harmlose Erklärung geben konnte.
Er war Journalist, der sich von Fakten leiten ließ, und keiner, der an Verschwörungen glaubte. Nur darauf kam es jetzt an.
»Sicherlich ist es nichts…«, sagte sie nachdenklich. »Aber mein Gefühl lügt selten. Du weißt das. Auch wenn du es gerade nicht hören willst.«