Der Regen hatte noch immer nicht nachgelassen. Das Pflaster glänzte inzwischen wie nasses Glas, auch wenn nur eine einzelne Laterne ihr Licht über die schmalen Stufen der Rue des Chanoines warf.
Schatten krochen an den Mauern empor. Sie mahnten zur Umkehr, nicht mehr weiterzugehen. Doch Pater Menoir hastete unbeirrt durch das Labyrinth der Altstadt. Seine Soutane war längst durchnässt. Der Stoff klebte an seinem Körper und jeder Schritt brannte wie die Wunde an seiner Hüfte. Der Schmerz drohte ihn zu überwältigen, doch er musste weiter, bis er den Schutz der Abtei erreichen würde.
Immer wieder warf er einen Blick über die Schulter. Er wusste, dass sein Verfolger dicht hinter ihm war. Nicht weil er ihn hörte oder weil er ihn sah. Dafür war der Mann zu geschickt. Es war vielmehr ein inneres Wissen; ein Instinkt, der durch sein Leben im Dienst eines Ordens geschärft worden war, der sich seit Jahrhunderten gegen die Dunkelheit stellte.
Die Gasse führte in eine Kreuzung, dort, wo die Rue de la Calade auf die Rue de l’Hôtel-de-Ville traf. Eine schwarze Katze huschte über das Pflaster und verschwand zwischen zwei Mülltonnen. Aus einem Fenster drang dumpfe, schrille Musik, die unpassend für diesen Ort schien.
Das Licht eines Fahrzeugs blitzte auf.
Kurz duckte sich Menoir in eine Nische, atmete durch und zwang sich zu einer Ruhe, die seine Gedanken nicht finden wollten. Dann ging er weiter.
Seine Finger verkrampften sich um ein kleines, unscheinbares Päckchen, das er unter seiner Kutte verbarg. Von seinem Inhalt hing die Zukunft seines Ordens ab, die Zukunft von allem. Er musste es tragen, bis ein anderer kam. Einer, der frei war. Einer, den die Regeln nicht banden. Das war der Grund für seine Mission, der Grund für alles, was noch kam.
Die Lichter der Abtei waren nur noch ein paar Gassen entfernt. Er konnte sie beinahe schon sehen. Trotzdem ahnte er: Es war zu weit. Er würde sie nicht mehr erreichen. Was geschehen musste, nahm nun seinen Lauf. Es lag nicht mehr in seinen Händen.
Seine Beine wurden weich. Er blieb stehen und stützte sich gegen eine Mauer. Dabei fühlte er den kalten Stein unter der Hand, sah an sich hinab, und wurde sich bewusst: Er war jetzt nicht mehr allein.
Am Ende der Gasse, halb im Licht einer flackernden Gaslaterne, lehnte eine Gestalt scheinbar gelangweilt an einem der Gebäude. Sie war groß und schlank, fast androgyn, und trug einen schwarzen Mantel, der glatt wie Lack schien. Das Gesicht blieb im Schatten verborgen, bis sie sich bewegte, nicht viel, nur ein paar kurze Schritte.
Menoir regte sich nicht. Selbst sein eigener Schatten schien bei diesem Anblick an der Wand erstarrt, die niemand durchdringen konnte, als würde sie ihn an diesem Ort festhalten wollen.
»Pater«, sagte die Gestalt. Die Stimme klang tief und klar, mit einer merkwürdigen Freundlichkeit, die jedoch nicht tröstete, sondern zerstörte. »Welch seliger Zufall, Sie hier zu treffen. Und das ganz ohne Einladung.«
Das Herz des Paters setzte für einen Moment aus. Er schluckte und richtete sich auf, obwohl er kaum mehr stehen konnte.
Er kannte diesen Mann besser als ihm lieb war - aus alten Aufzeichnungen, aus Träumen; aus der Überlieferung derer, die einst den Schleier durchdrungen hatten. In seinen Augen trug dieser Mann – wenn es denn ein solcher war – die Handschrift der Apokalypse.
»Ich hatte gehofft, wir würden uns nie begegnen.«
»Das glaube ich Ihnen, Pater. Aber Sie wissen, wie das mit der Hoffnung ist. Sie stirbt zuletzt – und manchmal nicht mal dann.«
Ein wissendes Schmunzeln spielte um die Lippen des Fremden. Nur seine Augen lächelten nicht. Sie waren grün, stechend grün, fast wie aus Glas, kalt und leer, als spiegelten sie eine Welt, die längst gefallen war.
Der Pater wich einen Schritt zurück.
»Was wollen Sie?«, fragte er heiser.
»Das, was wir alle wollen: Wahrheit, Ordnung, Klarheit. Und vielleicht auch ein bisschen… Erlösung.«
Der Mann kam näher.
»Sie sprechen in Rätseln«, sagte Menoir. Er wusste, dass er ihm nicht mehr entgehen konnte. Vielleicht, weil es Teil eines Plans war, der größer war als sie beide. Vielleicht, weil sein Weg hier enden musste, damit sich ein neuer fand. Nun hing also alles von ihm ab; von dem Einen, über den man sagte, dass er das Blut in sich trug und das Gleichgewicht entweder retten oder zerreißen konnte.
Der Pater warf sich vor, ihn nicht schon früher kontaktiert zu haben, viel früher sogar. Die Zeichen waren alle da gewesen und er hatte ihn sogar schon gesehen. Nur für einen Augenblick, als Fremden, als Tourist vielleicht, der nicht ahnte, dass sein Weg längst vorgezeichnet war.
Dennoch war er nicht bereit gewesen, ihn anzusprechen.
Er hatte gezögert, vielleicht aus Angst, vielleicht auch nur im Vertrauen darauf, dass es noch andere Wege gab.
Doch nun war es zu spät. Was jetzt an diesem Ort begann, ließ sich nicht mehr aufhalten, noch nicht einmal um den Preis seines eigenen Todes.
Der Fremde neigte den Kopf und schaute den Pater neugierig an, als könne er hören, was dieser zu verbergen versuchte.
»Sie denken an ihn, nicht wahr? An den, der nie ganz verschwunden war, der sich hinter seinem Namen versteckt und dem Ihre Brüder noch immer folgen. Er war in der Kirche, nicht wahr? Haben Sie ihn nach den Fresken gefragt? Nach dem Dämon?«
Menoir blieb stumm. Seine freie Hand fasste intuitiv an das Kreuz, das an einer Kette um seinen Hals hing.
»Ach, Pater«, säuselte die Gestalt. »Noch immer klammern Sie sich an alte Symbole. Dabei wissen Sie längst: Die Zeit der Zeichen ist vorbei. Jetzt sprechen nur noch Taten.«
Er zog etwas aus der Manteltasche. Es war kein Messer, nicht im klassischen Sinn, eher ein Dolch, dünn, silbrig und mit seltsamen Einkerbungen an den Rändern. Er ähnelte jenem, den der Pater unter seiner Kutte verbarg. Jener Lanze, von der es hieß, sie besiegle unwiderruflich das Ende der alten Welt, wenn sie jemals wieder zum Einsatz käme.
»Ich will nicht mit Ihnen kämpfen«, sagte Menoir.
»Das müssen Sie auch nicht.«
Der Fremde drehte die Klinge sacht zwischen Daumen und Zeigefinger.
»Sie müssen nur reden, Pater. Wer ist er? Wie lautet sein Name? Sie wissen es. Und ich habe nicht unendlich Geduld.«
»Ich werde ihn nicht verraten – nicht heute, nicht an diesem Ort. Niemals.«
Kurz schwieg der Mann. Dann trat er näher und legte Menoir, fast brüderlich, eine Hand auf die Schulter. Es war eine kalte Berührung, als würde Eis über nackte Haut streichen.
»Dann lassen Sie mich raten, Pater: Sie glauben, Ihr Tod schützt ihn? Dass Ihr Orden ohne Sie sehen kann? Dass er allein den Weg finden wird, ohne Führung, ohne Hilfe?«
»Ich glaube an das, was geschrieben steht. Dass keiner das Ziel erlangt, der mit Gewalt es sucht«, antwortete Menoir.
Die Gestalt begann zu lachen, schwach und doch unheimlich zugleich.
»Idealisten«, sagte er. »Es ist rührend. Sie wollen das Richtige tun, ich verstehe das. Aber wie oft hat das Richtige den Lauf der Geschichte aufgehalten?«
Mit einer schnellen Bewegung hielt er dem Pater die Klinge an den Hals. Nicht fest, nur warnend.
»Ihre Chance, zu leben. Sein Name.«
»Nein.«
Mit einem Ruck stieß er den Pater gegen die Mauer. Dieser prallte hart auf, keuchte und spürte, wie seine Knie nachgaben. Er wollte nach Hilfe rufen. Seine Stimme gehorchte ihm jedoch nicht mehr.
»Sie opfern sich also für ihn?«, sagte der Fremde überrascht und kniete sich zu ihm, während er die Klinge an seinen Hals setzte. »Oder sind Sie es womöglich gar nicht wert, ihn zu kennen?«
Still und entschlossen sah der Pater direkt in seine Augen.
Der Fremde verstand und machte eine schnelle Handbewegung. Dann war nur noch ein dumpfes Gurgeln und ein Röcheln zu hören. Der Pater sackte zu Boden, während sein Mörder sich erhob und auf ihn herabblickte, als bedauere er, was geschehen war.
»Sie hätten sich besser vorbereiten müssen, Menoir«, sagte er. »Und nun sehen Sie, was Sie stattdessen angerichtet haben.«
Er wollte schon gehen, da fiel sein Blick auf einen unscheinbaren Gegenstand, der dem Pater entglitten war, als er starb. Ein kleines Kästchen nur, gezimmert aus edlem Holz und verziert mit feinen Linien, die im flackernden Licht wie Adern aus Silber glänzten.
Er nahm es an sich und öffnete es.
Das funkelnde Metall spiegelte sich in seinen Augen wie ein Geschenk, mit dem er nicht gerechnet hatte.
Was er sah, hätte er nicht in einer dieser Gassen der verlorenen Stadt vermutet, die nur noch das letzte Zeugnis einer untergegangenen Zeit hinter den Mauern der Abtei war.
Vor ihm lag der Schlüssel, der das letzte Portal freigab, sobald das Blut des Wächters durch ihn floss.
Er nahm ihn heraus und fühlte, wie eine uralte Macht auf ihn überging, fremd und doch so vertraut, als sei sie immer schon nur für ihn bestimmt gewesen. Und er wusste, dass sie ihn nie wieder verlassen würde.
»So beginnt also das Schweigen«, flüsterte er und sah hinauf zum Himmel, der sich verdunkelte, während der Regen allmählich nachließ.
Im selben Moment läutete nicht weit entfernt, in der Abtei, die Glocke zur Vesper. Ein Bruder war gerade die schmalen Stufen zur Bibliothek hinabgestiegen, als er plötzlich innehielt.
Etwas stimmte nicht. Die Geräusche des nächtlichen Treibens außerhalb der altehrwürdigen Mauern waren verstummt. Selbst der Geruch in diesen Räumen hatte sich verändert. Er schmeckte plötzlich nach altem Staub, vermischt mit Blut und Asche.
Langsam schob er die schwere Eichentür auf.
Auf dem Lesepult lag ein einzelnes Blatt, als hätte jemand es bewusst dort zurückgelassen. Es schien zu leicht für diese Welt und doch zu schwer für einen Menschen.
Der Bruder trat näher.
Das Pergament war dünn, fast durchsichtig, und beschrieben mit roter Tinte, die aussah wie geronnenes Blut. Am unteren Rand schimmerte ein blasser Abdruck; ein Zeichen, das nicht hätte auftauchen dürfen.
Seine Hand zuckte zurück. Er wurde kreidebleich, weil er wusste, was es bedeutete. Dann verließ er den Raum.
Die Krypta lag nicht weit entfernt.
Dort unten, tief unter dem Fundament des alten Klosters, wartete jemand auf diese Nachricht. Jemand, der diesen Moment kommen sah und trotzdem bis zuletzt geglaubt hatte, ihm entgehen zu können.
Doch was jetzt geschah, ließ sich nicht mehr aufhalten. Es hatte längst begonnen, an einem anderen Ort, zu einer anderen Zeit.
Marie fröstelte. Die Kälte kroch ihr unter die Kleider. Dennoch wich sie nicht vom Fleck. Sie zog den Mantel fester und blickte angespannt in die Dunkelheit hinaus.
Zwei Fremde hatten sich angekündigt. Die Nachricht war nur wenige Stunden alt; ein unscheinbares Schreiben, überbracht von einem schweigsamen Boten. Nur das Siegel hatte Bedeutung.
Die Bewahrer des Lichts.
Ein Name wie ein Gebet. Oder ein Urteil.
Zum ersten Mal hatten sie nicht den Abbé kontaktiert, sondern sie, Marie Dénarnaud. Sie war jedoch Haushälterin, nicht Auserwählte, und stand dennoch hier, vor der Villa, heimlich und verborgen vor dem Mann, den sie noch immer achtete und respektierte. Manche hätten von Liebe gesprochen, doch Marie wusste, dass eine Beziehung unter den Augen der Kirche niemals möglich war.
Der Wind frischte auf. Irgendwo knackte ein Ast. Zwei Männer näherten sich in dunklen Umhängen und mit Zylindern, die sie tief ins Gesicht gezogen hatten.
Der eine blieb weiter unten stehen, nahe der Kirche. Er hatte sich von Marie abgewandt, so als wolle er nicht, dass sie ihn erkannte. Und doch war sie sich sicher, diesen Mann schon gesehen zu haben. Die leicht untersetzte Statur, das rechte Bein, das er beim Gehen etwas nachzog. Das alles kam ihr seltsam vertraut vor. Nur wusste sie es nicht einzuordnen.
Der andere kam auf sie zu. Er war groß und schlank. Seine Stimme klang rau, aber nicht unfreundlich.
»Madame Dénarnaud?«, sagte er bestimmt. »Danke, dass Sie gekommen sind.«
Marie musterte ihn. Er schien noch recht jung. Sie schätzte ihn auf höchstens 40 Jahre. Anders als sein Begleiter war er ihr gänzlich unbekannt, was leicht zu erklären war. Sein Akzent verriet, dass er aus dem Norden kam, wahrscheinlich sogar direkt aus Paris.
»Wer sind Sie?«, erkundigte sie sich.
Ihre Stimme zitterte, denn sie fürchtete sich vor dem nächtlichen Besuch, dessen Grund sie nicht kannte.
»Mein Name spielt keine Rolle.«
Der Gesandte warf einen schnellen Blick über seine Schulter. Der andere gab ihm ein kaum sichtbares Zeichen. Dann drehte er sich zu Marie. Im Licht des Mondes, das nun direkt auf sein Gesicht fiel, bemerkte sie eine dünne Narbe, die sich über die rechte Wange erstreckte.
»Wir müssen reden«, sagte der Fremde. »Über Saunière. Über das, was er vorhat.«
Marie schwieg.
»Der Tempel. Es ist… ein Riss in der Ordnung. Wenn er ihn errichtet, beginnen die Schatten zu sprechen.«
»Es ist doch nur ein Gebäude«, flüsterte sie.
»Es ist mehr als das«, entgegnete der Botschafter. »Es ist… Verrat.«
»Niemals! Saunière ist noch immer ein Mann Gottes.«
»Nicht mehr, Madame. Wir glauben, er wurde verführt. Von jenen, die das Licht fürchten. Von jenen, die kommen, wenn das Zeichen falsch gelesen wird.«
»Sie liegen vollkommen falsch!«, protestierte sie heftig gegen das, was sie eben gehört hatte. »Er dient nicht ihm; er liest regelmäßig die Messe, selbst wenn er krank oder geschwächt ist.«
Der Botschafter bat sie mit einer Geste, ihm hinab zur kleinen Grotte zu folgen. Saunière hatte sie mit eigenen Händen in den Pfarrgarten gebaut; eine stille Ehrerbietung an Maria Magdalena, der er sein Herz anvertraut hatte. Dort trat auch der andere Gesandte ins Licht – und Marie erkannte ihn nun. Monsieur de Beauséjour. Der Bischof von Carcassonne. Saunières direkter Vorgesetzter!
»Wir haben lange zugesehen«, sagte der Bischof bedacht. »Doch die Zeit des Schweigens ist vorbei. Saunière war beauftragt, den Schrein zu bewahren. Und nun ist er im Begriff, ihn zu übergeben. Weil er dem falschen Herrn dient.«
Marie taumelte. Sie hatte die Botschaft vernommen, doch ihr Herz weigerte sich noch immer, zu glauben.
Saunière ein Teufelsjünger?
Das konnte nicht sein. Das durfte nicht sein.
Und doch waren die Botschafter nicht aus Leichtfertigkeit gekommen. Ihre Worte hatten Gewicht. Das wusste sie. Was sie mit dem Priester geteilt hatte, schien plötzlich bedeutungslos.
Etwas in ihr drohte zu zerbrechen und sie konnte eine Träne nicht zurückhalten.
Monsieur de Beauséjour griff nach einem Taschentuch und reichte es ihr. Dann zog er ein seltsames Amulett aus seinen Umhang hervor, das an einer goldenen Kette befestigt war. Es bestand aus einem grünen Smaragd, um den sich eine rote Schlange wand, die sich selbst in den Schwanz biss. Zwölf goldene Segmente, angeordnet wie das Zifferblatt einer Uhr, waren durch silberne Fäden verbunden.
»Bitte nehmen Sie das!«, sagte der Bischof.
Marie wischte sich die Träne von der Wange und tat, was er von ihr verlangte.
»Was ist das?«, fragte sie.
»Ein Schlüssel. Eine Prüfung. Und Ihr Schutz. Wenn Sie bereit sind.«
Marie legte es sich um den Hals. Es war sonderbar leicht.
Dann presste sie es an ihre Brust.
Kaum berührte das Amulett ihre Haut, spürte sie eine warme, tröstliche Kraft, die sich in ihrem Körper ausbreitete.
»Was muss ich tun?«, fragte sie. Ihre Stimme klang nun etwas fester und klarer.
»Retten Sie seine Seele – und mit ihr die unsere!«
Sie wollte noch etwas fragen, doch die beiden Männer deuteten an, dass der Worte genug gewechselt waren. Grüßend nahmen sie ihre Zylinder und verschwanden in die Dunkelheit des Abends.
Marie ging zurück in die Villa, die Treppe hinauf, und schaute durch das Fenster hinüber zum Magdalenenturm, der auf der anderen Seite des Gartens lag. Die letzten Tage hatte Saunière fast nur noch dort verbracht. Auch jetzt lief er wieder ruhelos auf und ab. Die Schatten, die sich im Licht der Lampe auf die geschlossenen Vorhänge zeichneten, verrieten es ihr.
Marie öffnete die Tür und setzte vorsichtig einen Schritt in den Garten hinaus. Dann noch einen. Und einen dritten. Es kostete sie Überwindung, mehr als sie glaubte. Dann blieb sie wie angewurzelt stehen. Sie wollte zu ihm, und fühlte sich doch wie gelähmt.
Ein Gedanke hielt sie fest.
Wenn es wirklich stimmte, was die Bewahrer behaupteten, wie sollte sie ihm dann begegnen? Was sollte sie tun?
Plötzlich öffnete sich die Tür des Turms.
Saunière trat heraus und erschrak, als er sie im Garten sah.
»Marie? Was in Gottes Namen machst du um diese Zeit noch hier draußen? Willst du dir den Tod holen?«
»Den Tod…«, murmelte sie. Mehr brachte sie nicht heraus.
Saunière näherte sich und sah sie prüfend an. Etwas an ihr hatte sich verändert. Sie war blass und ungewöhnlich still. So kannte er seine treue und liebevolle Marie nicht.
»Was ist los mit dir?«, fragte er. »Was hast du?«
Dann fiel sein Blick auf das Amulett um ihren Hals. Er griff danach, drehte es in seiner Hand, und begann bitter zu lachen.
»So ist das also!«
Ohne ein weiteres Wort wandte er sich von ihr ab und ging entschlossen zurück zum Magdalenenturm, zurück in sein Reich.
Marie wartete einen Moment, ehe sie ihm schließlich folgte.
Der Abbé saß bereits an seinem Tisch und kritzelte wie besessen etwas auf ein Blatt Papier, als würde es ihn innerlich drängen, seine Gedanken sofort festzuhalten.
»Nun komm schon herein, du frierst ja«, sagte er, ohne aufzusehen. Es klang wie ein Befehl, nicht wie Fürsorge.
Zögerlich trat sie ein und schloss die Tür. Drinnen war es allerdings nicht viel wärmer. Das Kaminfeuer war längst erloschen.
Ihr Herz pochte wild. Nach außen versuchte sie es sich nicht anmerken zu lassen. Doch der Abbé war nicht nur Seelsorger, sondern auch geschickter Psychologe, der es verstand, Menschen zu lesen, ganz besonders seine engste Vertraute.
Nach einer Weile, die Tinte war noch nicht getrocknet, lehnte er sich zurück und tat, als wäre nichts gewesen.
Die Wut war einer eigenartigen Stille gewichen.
Marie kannte solche Stimmungsschwankungen. Der Grat zwischen Zuneigung und Verachtung war schmal, Kälte und Wärme lagen nah beieinander. Sie hatte gelernt, mit seinen Ausbrüchen zu leben.
»Wer hat es dir gegeben?«, fragte er fast beiläufig.
Marie wusste nicht, was sie tun sollte. Sie drückte das Amulett fest an ihre Brust und fasste einen Entschluss – wie riskant, unnötig oder falsch dieser auch immer sein mochte. Es war die Kraft des Amuletts, die ihr zu verstehen gab, dass sie das Richtige tat, wenn sie ihrem Herzen folgte und ihm alles gestand.
»Ich habe es von den Bewahrern des Lichts erhalten.«
Saunière nickte. Er hatte es gewusst. Mit seiner Frage hatte er lediglich ihre Loyalität auf die Probe gestellt, eine letzte Prüfung, die sie bestanden hatte.
Wieder wandte er sich ab. Wieder schrieb er ein paar Zeilen auf ein Blatt. Dann stand er auf, trat ans Fenster, blickte hinaus in die Nacht und lachte. Es war ein Lachen, das nicht zu ihm passte. Sein Gesicht wirkte verzerrt, fast fremd und dunkel. Beinahe sogar teuflisch, dachte Marie. Doch im selben Augenblick verwarf sie diesen Gedanken wieder. Vielleicht war es nur das schwache Licht der Lampe, das diesen unheimlichen Eindruck erweckte.
»Die Bewahrer… Sie können es nicht aufhalten«, sagte er schließlich. »Die Offenbarung. Wenn tausend Jahre vorüber sind, wird er freigelassen. Bald. Und ich bin ausersehen. Ich öffne den Weg.«
Marie wich fassungslos zurück.
»Du warst ausersehen, zu schützen«, rief sie verzweifelt.
»Glaubst du, der Göttliche hält die Fäden?«, sagte der Abbé und trat ein Stück näher. Seine Augen funkelten wie wahnsinnig. »Nein. Es ist der Andere. Er ist bereits hier. Unter uns. Alpha und Omega, Marie! Anfang und Ende! Denk immer daran, was ich Euch hinterlasse: Par ce signe tu le vaincras! Durch das Zeichen wirst du siegen. Es ist der Schlüssel. Ich kenne ihn, Marie. Ich allein!«
»Das ist Wahnsinn!«
Sie konnte seine Worte nicht mehr ertragen. Was war nur aus dem Mann geworden, den sie so verehrte?
»Du wirst es sehen, du wirst es erleben«, fuhr Saunière sie an, das Gesicht rot vor Zorn, weil sie nicht begriff, was er ihr zu sagen versuchte. »Wenn sie ihn mit der Lanze stoßen wie einst auf Golgatha. Wenn alles sich wiederholt. Und auch du, Marie, wirst entscheiden müssen, auf welcher Seite du dann stehst!«
Marie konnte nicht mehr.
Sie hatte genug gehört und wollte einfach nur noch weg von diesem Menschen, der seine Maske hatte fallen lassen.
Saunière, das wusste sie jetzt, war tatsächlich nicht mehr zu retten. Die Botschafter hatten in allem Recht. Sie hatte in das fratzenhafte Abbild des Teufels geschaut.
So schwer es ihr fiel: Sie musste es aufhalten, sie musste ihn aufhalten. So wie es ihr aufgetragen war.
Sie drehte sich um und rannte so schnell sie konnte hinaus aus dem düsteren Turm, zurück in die Villa, die Treppe hinab, über den Flur in ihr eigenes kleines Reich. In jenes stille Zimmer gegenüber der Küche, das sie sich einst selbst eingerichtet hatte.
Dort angekommen, warf sie die Tür ins Schloss und verriegelte sie. Erst dann ließ sie sich auf das Bett fallen und starrte an die Decke, versunken in ein wildes Durcheinander quälender Gedanken.
Mit letzter Kraft faltete sie die Hände und sprach ein Gebet. Sie bat um Trost, um ein Wunder, um einen Ausweg. Um die Rettung eines verlorenen Menschen, der ihr doch so viel bedeutete, auch wenn er durch andere Mächte verführt worden war.
»Warum?«, fragte sie verzweifelt in die fühlbare Leere des Raumes. »Warum hast du das nur zugelassen?«
Der Gedanke zehrte an ihren Kräften. Doch das Amulett hatte eine unerklärliche Wirkung. Von ihm ging etwas Beruhigendes aus, das sich mehr und mehr auf ihren Körper übertrug.
Ihre Augenlider wurden allmählich schwer, nicht nur vor Erschöpfung.
Sie bekam nicht mehr mit, wie der Stein des Amuletts, das sie noch immer um ihren Hals trug, zu leuchten begann. Zuerst nur schwach, dann immer stärker, bis die Villa umhüllt war von einem stillen, beschützenden Licht, das nicht grell war, sondern einfach nur da. Wie Hoffnung. Wie eine Erinnerung.
Wie ein Versprechen, geboren aus einer uralten Kraft, das nie ganz erloschen war.
Ein Hauch von Kaffee lag in der Luft, als Mike Dornbach die schwere Glastür aufstieß und das Verlagsgebäude betrat.
Das Foyer war fast menschenleer. Nur der Portier war bereits da; ein älterer Mann mit verschmitztem Blick und schlohweißem Haar, der seiner Arbeit nachging.
»Guten Morgen!«, rief er Mike mit einem breiten Grinsen zu und hielt einen weißen Umschlag hoch. »Da ist mal wieder ein Schreiben für Sie abgegeben worden. Sie kann es einfach nicht lassen, was?«
»Leider nein«, sagte Mike, nahm den Brief entgegen und warf einen flüchtigen Blick auf den Absender. Wieder sie, und vermutlich wieder dieselben Vorhaltungen. Kommentarlos zerknüllte er den Umschlag, ließ ihn in den nächsten Papierkorb fallen und begab sich zu den Fahrstühlen.
Die Redaktion befand sich im neunten Stock. Hier war er in seinem Element. Hier galt er etwas. Sie nannten ihn ein Ausnahmetalent. Es war jedoch keine Gabe, sondern das Ergebnis harter Arbeit.
Alles hatte mit einer Begegnung an der Universität begonnen. Der Chefredakteur des Komet, Walter Stein, hatte dort über die Bedeutung der Medien als vierte Macht im Staat gesprochen. Wie gefährlich es sei, wenn sich Journalisten mit einer Sache gemein machten.
Berichte nur, was ist, nicht was du für richtig hältst, hatte er damals gesagt. Ohne Pathos, ohne Belehrung. Nur als simple Wahrheit.
Bis heute hatte Mike diesen Moment nicht vergessen. Inzwischen war er sogar zu Steins rechter Hand aufgestiegen.
Stellvertretender Chefredakteur.
Davon hatte er schon als Kind geträumt, wenn er mit einem Klemmbrett und selbst gebasteltem Presseausweis durch die Wohnung lief. Damals war es vielleicht nur ein Spiel gewesen, und doch auch der Anfang von allem. Heute war Walter Stein längst zu einem väterlichen Freund geworden und sie verstanden sich blind.
Deshalb stutzte Mike, als er den Chefredakteur so früh schon laut fluchend und mit hastigen Schritten durch den Flur poltern hörte, obwohl dieser gewöhnlich erst zur morgendlichen Konferenz ins Büro kam, niemals vorher.
Dieses Mal jedoch war alles anders.
Schweißperlen standen ihm auf der Stirn, als er in Mikes Büro stürmte. Jetzt rächte sich, dass Stein kein Kostverächter war und die abendlichen Restaurant-Besuche zum festen Ritual erkoren hatte. In der Hand hielt er eine Zeitung, die er vor Mike auf den Tisch schlug.
»Was um Himmels Willen ist in dich gefahren?«, fuhr er ihn an.
Mike wich unwillkürlich zurück. Er war verwirrt und besorgt zugleich.
Stein war kein Mann für solche Auftritte. Normalerweise ruhte er in sich, mit einer Gelassenheit, die nichts und niemand ins Wanken bringen konnte. Es musste also etwas Gravierendes passiert sein. Etwas, das ihnen schaden konnte. Denn da waren nicht nur Wut und Enttäuschung in seiner Stimme, da war noch etwas anderes, das Mike nicht einordnen konnte. Es klang beinahe wie Angst, oder Verzweiflung.
»Ich verstehe nicht. Was meinst du?«, versuchte er besänftigend auf den Chefredakteur einzureden. Sorge um seinen Freund trieb ihn dabei um. Stein war schließlich nicht mehr der Jüngste und die Aufregung schadete ihm zweifellos.
Doch der dachte gar nicht daran, sich zu beruhigen.
»Tu nicht so scheinheilig«, ereiferte er sich. Seine Stimme überschlug sich fast. »Willst du uns alle mit in den Abgrund reißen? Glaubst du wirklich, sie ist das wert? Bringt es sie zurück, wenn ich dich rauswerfe? Nein, das wird es nicht. Aber du ruinierst damit alles! Deine Karriere, deine Zukunft.«
»Wie redest du denn mit mir?«
Mikes Stimme wurde nun ebenfalls schärfer. Er war sich keiner Schuld bewusst. Also stemmte er beide Hände auf den Schreibtisch, beugte sich vor und sah Stein fest in die Augen – ruhig, aber unnachgiebig.
»Was, verdammt noch mal, ist los mit dir, Walter?«
»Was los ist?«
Offenkundig fassungslos warf Stein ihm die Zeitung entgegen, so heftig, dass sie beinahe auf dem Boden gelandet wäre. Nur Mikes schnelle Reaktion verhinderte es.
»Das hier, mein Lieber. Das hier!«
»Das ist doch die Ausgabe von heute«, sagte Mike.
Sie war ihm vertraut. Sein Team hatte sie geprüft, und auch er war sie vor dem Druck noch einmal durchgegangen, seitenweise und gründlich, wie er es immer tat. Kein Grund also für Steins Wutausbruch.
»Das weiß ich selbst«, fauchte der Chefredakteur und nahm ihm das Blatt wieder aus der Hand. Er blätterte hastig zur Politikseite und schlug sie auf. Dann deutete er auf einen der Artikel.
»Aber wie kommt dieser Schwachsinn hier rein? Was soll das?!«
Mike runzelte die Stirn und ließ den Blick über die Seite gleiten.
An dieser Stelle sollte sein Text stehen, ein Artikel über die aktuelle Haushaltsplanung der Stadt. Ein paar Zahlen nur, leserfreundlich aufbereitet. Ein Kinderspiel, kein Hexenwerk.
So dachte er jedenfalls.
Dann jedoch blieb sein Blick an der Überschrift hängen. Nicht wegen des Themas, wegen der Worte. Sie klangen wie die seinen, aber er hatte sie nie geschrieben.
Spendensumpf im Rotlichtmilieu, stand da vierspaltig in großen Lettern, darüber ein reißerisches Foto und ein Artikel, der Karrieren zerstören konnte, vor allem seine.
»Was…«, stammelte Mike. »Was… hat das zu bedeuten?«
»Dein Todesurteil«, schimpfte Stein. »Und meines gleich mit!«
Mike rang nach Luft. Das war ein schlechter Scherz.
Ein Beamter der Landesregierung habe Millionenbeträge ins Rotlichtmilieu geschleust, gedeckt vom Ministerpräsidenten persönlich. Drogengelder, getarnt als Haushaltsposten. So stand es in diesem Text. Schwarz auf weiß. Und sein Name war darunter.
»Das… Das habe ich nicht geschrieben!«, stammelte Mike. »Ich kann mir das nicht erklären. Wer zur Hölle hat das verfasst? Und wer hat das durchgewunken?«
Mit jeder weiteren Zeile, die er gelesen hatte, war mehr Farbe aus seinem Gesicht gewichen. Kreidebleich stand er jetzt da.
»Walter, das stammt nicht von mir!«
»Der Ministerpräsident sieht das anders«, erwiderte Stein. »Seine Worte erspare ich dir lieber. Er hat mich aus dem Bett geholt und fordert Klarstellung, und vor allen Dingen… Köpfe.«
Schweigend sahen sie einander an.
Mike fühlte sich hilflos und so leer, wie die Redaktion es noch immer war. Keine Schritte waren auf dem Flur zu hören, kein Tastaturklackern hinter Glas, kein Geplänkel mit den Kollegen, obwohl die erste Konferenz gleich beginnen sollte. Es schien ein Albtraum, für den es keine Erklärung gab.
Verzweifelt suchte Mike nach Antworten in Steins Gesicht und fand dort doch nur Ratlosigkeit. Der Chefredakteur sah ihn an, als müsse er entscheiden, ob er Mike noch vertrauen dürfe oder ob er ihn auf der Stelle entlassen musste.
Doch noch gab Mike nicht auf. Es musste eine Erklärung geben und vielleicht war sie nur ein Telefonat entfernt.
Er griff zum Hörer und wählte eine Nummer. Den Lautsprecher schaltete er auf laut. Er wollte bedingungslose Transparenz, schließlich gab es nichts zu verbergen, auch wenn seine Finger nervös auf die Tischplatte trommelten.
Stein stand dicht daneben, den Blick fest auf ihn gerichtet.
»Nanu, Mike? Was treibt dich denn so früh aus dem Bett?«, meldete sich kurz darauf eine vertraute Stimme.
»Marc, ich brauche deine Hilfe!«, sagte er und schilderte knapp den Vorfall, ohne Details. Dann die alles entscheidende Frage: Wer hatte den Artikel durchgewunken?
»Hast du einen Clown gefrühstückt?«, lachte der Mann. Mike dagegen war nicht zu Scherzen aufgelegt.
»Bitte. Es ist wichtig. Stein ist bei mir und hört mit.«
Einen Moment war es still.
»Verstanden«, sagte Marc schnell. »Ich verbinde dich mit Thorsten. Der hatte gestern Spätschicht.«
»Thorsten?« Den Namen hörte Mike zum ersten Mal.
»Unser Neuzugang. Seit einer Woche da. Du weißt doch.«
Doch Mike wusste es nicht. Und auch Stein schien den Namen noch nie gehört zu haben.
Die Leitung knackte, dann meldete sich eine andere Stimme.
»Seitz hier, was kann ich für Sie tun?«
»Dornbach, Redaktion. Herr Seitz, wir hatten gestern wohl ein Problem mit der…«
»Ein Problem? Sie haben hoffentlich nichts am Druck auszusetzen?«, fiel ihm Seitz sofort ins Wort. »Ich weiß, es gab da noch ´ne Kleinigkeit mit der Farbe. Aber hey, der Artikel sieht doch gut aus. Genau so, wie Sie es wollten!«
Mike stutzte. Doch er hatte sich nicht verhört.
»Wie meinen Sie das?«
»Na der Text! Großes Kino! Meine Frau meinte heute früh noch, sowas hätte sie noch nie gelesen. Respekt, Herr Dornbach. Endlich mal einer mit Rückgrat. Einer, der hinschaut und ausspricht, was Sache ist. Dafür hab ich gestern echt gern Überstunden gemacht!«
Mike erstarrte. Was wurde hier nur gespielt?
»Den habe ich doch gar nicht…«
»Nicht so bescheiden«, lachte Seitz. »Sie haben uns gestern Abend ganz schön auf Trab gehalten! Ich meine, okay… Sie waren etwas nervös, schon klar, vielleicht auch ein bisschen betrunken. Hat man Ihnen angemerkt. Aber hey. Wir waren beeindruckt!«
»Was redet er denn da?«, flüsterte Mike. Stein beobachtete ihn, nicht nur prüfend, auch besorgt.
»Zugegeben, Sie waren schon ein bisschen durch den Wind«, fuhr Seitz unbeirrt fort. »Aber sympathisch. So menschlich. Wie drückten Sie es noch gleich aus: Humor braucht es besonders dann, wenn es mal eng wird und Nerven gefragt sind. Na ja, und eng wurde es dann ja auch, weil Sie den Artikel fast nicht rechtzeitig fertigbekommen haben, wissen Sie noch? Ihnen fehlte noch die Bestätigung aus einer unabhängigen Quelle!«
Mikes Magen zog sich zusammen. Worte kamen kaum noch über seine Lippen. Er lag auf dem Schafott und das Fallbeil war bereits auf dem Weg nach unten. Warum? Er wusste es nicht. Alles um ihn herum schien zu verschwimmen. Er konnte sich an nichts davon erinnern. Und doch klang Seitz sehr überzeugend.
»Mensch, was ist denn heute Morgen los mit Ihnen?«, legte dieser sogar noch nach. »Sie sagten gestern noch, Sie wollten ein Zeichen setzen. Und dann – zack – war alles entschieden. Wir haben sogar mit Ihnen angestoßen. Weiß nicht mehr, wie viele es am Ende waren… aber das war echt ‘ne gute Stimmung.«
Mike hatte Mühe, zu sprechen. Es fühlte sich an, als habe er sich selbst verloren und dieser Gedanke gefiel ihm nicht.
Er legte augenblicklich auf, ohne noch etwas zu sagen.
Leichenblass saß er nun auf seinem Stuhl, den Telefonhörer krampfhaft mit beiden Händen umklammert und an seine Brust gepresst, als sei es der letzte Halt, der ihm noch geblieben war.
»Das kann doch alles nicht wahr sein!«, sagte er. Doch je mehr er sich zu erinnern versuchte, desto mehr geriet alles ins Wanken. Was eben noch sicher gewesen war, wirkte plötzlich trügerisch und falsch. Als hätte jemand in seinem Leben einen ganzen Abschnitt gelöscht.
Mike war zu keinem klaren Gedanken mehr fähig. Sein Kopf schmerzte und es fiel ihm schwer, sich zu konzentrieren. Vielleicht war es wirklich Zeit, sich einzugestehen, dass er zu viel gewollt hatte. Die Trennung. Der Tod seines Vaters. Die Nächte in den Bars, begleitet von flüchtigem Trost und zu viel Alkohol. Verdrängung statt Verarbeitung. Ein Fehler, der ihn alles kosten konnte.
»Walter, du musst mir glauben. Ich habe nicht… Ich weiß nicht mehr…«, wandte er sich hilfesuchend an Stein. »Wie soll das jetzt weitergehen?«
»Du musst erst mal aus der Schusslinie«, antwortete der Chefredakteur. »Es geht nicht anders.«
»Du wirfst mich also raus?«
Mike sah seine Karriere bereits beendet, doch Stein schien den Stab noch nicht endgültig über ihm gebrochen zu haben, aus kollegialer Verbundenheit, vielleicht auch nur aus Freundschaft.
»Du brauchst jetzt Hilfe, keine Kündigung«, sagte er und Mike verstand, dass er ihm einen Weg aufzeigen wollte, bei dem niemand sein Gesicht verlieren musste. »Was immer passiert ist. Du musst zu dir selbst finden. Bis dahin bist du raus.«
»Aber wie soll ich das tun?«
Plötzlich überkam Mike Angst. Seine Arbeit gab ihm Halt, gerade in unruhigen Zeiten. Und Stein wollte sie ihm nun nehmen. Wie sollte er damit umgehen?
»Weiß ich nicht«, sagte Stein. »Gib mir einen Moment. Ich lasse mir etwas einfallen. Und halte dich bis dahin bloß zurück. Keine weiteren Dummheiten bitte.«
Dann verließ er Mikes Büro.
Als er zurückkam, hatte der Redaktionsalltag längst begonnen. Hektik war ausgebrochen, Telefone klingelten, Drucker liefen, Kollegen hetzten von einem Raum in den anderen. Nur Mike starrte fast teilnahmslos auf seinen Bildschirm. Er wirkte wie ein gebrochener Mann, der sich mit seinem Schicksal abgefunden hatte.
»Ich habe eine Idee«, sagte Stein. »Du erinnerst dich an meine Ferienwohnung. Sie ist grade frei. Da schicken wir dich hin. Raus aus Frankfurt, raus aus Deutschland. Und dann sehen wir weiter.«
»Und was ist damit«, deutete Mike auf den verhängnisvollen Artikel, der noch immer aufgeschlagen vor ihm lag wie ein unabänderliches Urteil. »Das kriegen wir doch nie wieder aus der Welt.«
Stein sah ihn lange an, dann legte er ihm die Hand auf die Schulter. Ob tröstend oder rügend, das wusste Mike nicht. Nur eines machte ihm Hoffnung. Was Stein sagte, klang wie ein Versprechen, an dem er sich festhalten durfte.
»Auch da lasse ich mir noch etwas einfallen.«
Mike senkte den Blick. Er war überrascht von all der Fürsorge, die er nicht erwartet hatte; aber auch tief bewegt von so viel Loyalität. Stein hätte allen Grund gehabt, ihn fallen zu lassen. Stattdessen war er für ihn da. Nicht viele hätten so reagiert.
»Danke«, sagte Mike mit brüchiger Stimme. »Ich weiß echt nicht, wie ich das jemals wiedergutmachen soll.«
»Kopf hoch, mein Freund«, sagte Stein mit einem Lächeln, das irgendwo zwischen Erleichterung und Melancholie lag, doch Mike spürte das Gewicht dahinter. »Wenn es so weit ist, wirst du es wissen. Und ich weiß es dann auch.«
»Das heißt, ich komme zurück?«
»Das liegt allein an dir, ob du es schaffst, ob du es willst.«
»Dann komme ich zurück und mache alles wieder gut!«, sagte Mike und umarmte Stein zum Abschied. »Das verspreche ich dir.«
Wenig später verließ er das große graue Gebäude, mit einem letzten Blick über die Schulter.
Nicht weit entfernt trat ein Mann unbemerkt aus dem Schatten. Er behielt Mike noch lange im Auge, dann nahm er das Telefon, wählte eine Nummer, und sagte nur:
»Er ist, wo er sein muss. Jetzt liegt alles bei Ihnen.«
»Café au lait ou café noir?«, erkundigte sich die Bedienung mit einem freundlichen Lächeln. Mike zögerte einen Augenblick, ehe er sich für den Milchkaffee entschied.
»Café au lait, s’il vous plaît, Madame.«
Hier, in einem der unzähligen kleinen Cafés, versteckt inmitten der verwinkelten Altstadtgassen von Rennes, der Hauptstadt der französischen Bretagne, hatte er sich einen Zufluchtsort fernab der Heimat geschaffen. Durch die breite Fensterfront hatte er das bunte Treiben auf den Straßen im Blick. Touristenströme zogen vorüber, geführt von emsigen Stadtführern.
Mike beobachtete, wie die Leute hastig Fotos machten, die sie später an jene besonderen Momente erinnern sollten, die sie gerade zu verpassen drohten. Wie schade, dachte er. Und doch verstand er diese Leute nur zu gut. Er erkannte sich in ihnen wieder. Zu oft war er selbst Opfer seiner eigenen Rastlosigkeit geworden. Dieses eine Mal wollte er es jedoch anders machen. Er wollte ankommen, innehalten und bei sich sein. Mit jedem Tag gelang ihm das ein wenig besser.
Zum ersten Mal seit langer Zeit war er nicht der gehetzte Reporter, getrieben von Fristen, Terminen und Schlagzeilen. Nicht der Mann, der eine Redaktion führte und Tag für Tag neuen Stoff liefern musste.
Seine Tage in Rennes waren anders. Leichter und befreiend.
Mike ließ sich treiben, spazierte ohne Ziel und verlor sich in den Geschichten der Stadt. Er sog jedes Detail begierig auf, die ehrwürdigen Fassaden, das Spiel von Licht und Schatten an den Mauern und die wohltuende Stille, die so ganz anders war als die Hektik eines Redaktionsbetriebs daheim. Und mit jedem Tag wurde ihm klarer: Nur das Hier und Jetzt zählte. Nicht das Gestern. Nicht das, was er hinter sich gelassen hatte.
Abends, wenn die Straßen sich leerten, fühlte er diese neue Freiheit deutlich. Er schlenderte dann durch die engen Gassen, fast allein, denn er begegnete dort nur wenigen Menschen. In deren Blicken lag jedoch ein freundliches, unaufdringliches Lächeln.
Manchmal überkam ihn in solchen Momenten das Gefühl, längst kein Gast mehr zu sein. Vieles wirkte ihm seltsam vertraut, als habe er sein ganzes Leben schon in dieser Stadt verbracht. Dann glaubte er, etwas in den alten Steinen zu spüren. Es war kein Wissen und keine greifbare Information, aber ein seltsames Flirren, das sich nicht in Worte fassen ließ. Als würde sich etwas öffnen, in ihm und um ihn. Vielleicht war es Einbildung. Vielleicht auch nicht.
Die Stadt hatte ihn jedenfalls gelehrt, neue Eindrücke zuzulassen und zu genießen, auch wenn ihm das anfangs nicht leicht gefallen war.
In der ersten Nacht hatten ihn noch wirre Träume heimgesucht; Erinnerungen, die sich nicht so leicht abschütteln ließen. Auch am Tag war es ein ständiger Kampf. Immer wieder kamen Gedanken an den Skandal auf, den er ausgelöst hatte.
Mike zwang sich, sie beiseitezuschieben.
Er wollte frei sein und darauf vertrauen, dass Stein die Lage im Griff hatte. Wäre es anders, hätte er es wohl längst erfahren, auch wenn er bewusst kein Fernsehen sah. Und deutsche Medien gab es hier in der Bretagne ohnehin nicht.
Stein war es auch gewesen, der Mike eine Begleiterin vermittelt hatte. Feline, eine junge und charmante Fremdenführerin. Sie sollte ihn während seines Aufenthalts in Rennes auf andere Gedanken bringen, so hatte es ihm der Chefredakteur erklärt. Mike schloss allerdings nicht aus, dass es eine Vorsichtsmaßnahme war. Womöglich hatte sein alter Freund lediglich Angst um ihn und wollte verhindern, dass er sich in der Fremde etwas antat. Doch davon war Mike weit entfernt. Die offene und unkomplizierte Art von Feline tat ihm gut. Sie öffnete ihm eine andere Welt und er ließ sich darauf ein.
Auch heute war sie mit ihm verabredet. Sie wollte in Kürze zu ihm stoßen. Gemeinsam wollten sie dann an die Nordküste fahren, zum Mont-Saint-Michel, ein Benediktiner-Kloster mitten im französischen Wattenmeer. Mike freute sich bereits auf diesen Anblick, doch noch ahnte er nicht, dass dieser Nachmittag anders verlaufen würde, als sie es geplant hatten.
»Voilà! Le café, Monsieur«, servierte die Bedienung und stellte das Getränk vor ihm ab.
»Merci beaucoup!«, sagte er. Danke schön.
Es war sein dritter Besuch in diesem Café, eine Empfehlung von Feline. Bei den Studenten der Stadt, zu denen auch sie zählte, war es beliebt. Mike konnte das gut verstehen. Er fühlte sich wohl zwischen den knarrenden Tischen und Stühlen. Das lockere Ambiente hatte etwas Befreiendes. Nur die kitschigen Ölgemälde an den Wänden hatten ihn anfangs gestört. Doch inzwischen hatte er sich auch daran gewöhnt.
Mike nahm einen Schluck von seinem Milchkaffee. Dann hörte er, wie die Tür plötzlich mit einem Krachen aufgerissen wurde.
Er sah hinüber.
Es war nicht Feline, die sich verspätet hatte, sondern ein älterer, untersetzter Mann, kaum größer als 1,65 Meter, der dort im Eingang stand; einer dieser unauffälligen Menschen, von denen man gemeinhin sagt, dass sie überall auftauchen und doch nirgendwo wahrgenommen werden. Er taumelte herein, klammerte sich schwer atmend an den Türknauf und wirkte deshalb, als hätte er sich nach einem endlos quälenden Lauf gerade noch ins Ziel gerettet.
Im Raum wurde es schlagartig still. Die Gespräche der anderen Gäste verstummten. Alle Blicke richteten sich auf den keuchenden Fremden.
Schweiß rann ihm übers Gesicht. Kein Wunder bei dieser Hitze, dachte Mike. Seine Kleidung wirkte fast grotesk: eine lange schwarze Hose, ein weißer Rollkragenpullover und darüber ein dunkles Jackett. Ein seltsamer Kerl also. Und Mike schien mit diesem Eindruck nicht allein. Die Frage, wer dieser Mann war und was ihn hierher trieb, lag unausgesprochen in der Luft.
Mike bemerkte, dass der Fremde fieberhaft nach etwas zu suchen begann. Sein Blick huschte gehetzt durch das Café. Und noch ehe er sich darüber im Klaren war, wen oder was der ältere Herr hier zu finden hoffte, kam dieser bereits direkt auf ihn zu.
Der Mann blieb genau vor ihm stehen und mustere ihn eindringlich. Mike richtete sich unwillkürlich auf.
»Sie sind Monsieur Dornbach?«, fragte der Fremde in nahezu akzentfreiem Deutsch. Die anderen Gäste des Cafés widmeten sich derweil wieder ihren Gesprächen. Der stürmische Auftritt des Mannes hatte für sie wohl an Bedeutung verloren.
»Kennen wir uns?«, fragte Mike verwundert. Erst jetzt fiel ihm das kleine silberne Kreuz am Jackett des Mannes auf. Es war kunstvoll gearbeitet und kaum größer als eine Daumenspitze.
»Das ist nicht von Bedeutung. Es reicht, dass ich Sie kenne«, antwortete er knapp. Dabei blickte er sich nervös um und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Das Atmen fiel ihm sichtlich schwer.
»Wollen Sie sich zu mir setzen und einen Moment ausruhen?«, bot Mike deshalb an. Doch der Mann lehnte ab.
»Man darf Sie nicht mit mir sehen. Es ist zu gefährlich.«
Stattdessen streckte er ihm einen versiegelten Umschlag entgegen.
»Nehmen Sie!«, sagte er mit Nachdruck.
Reflexartig griff Mike zu. Warum, wusste er selbst nicht.
Er war Journalist. Er glaubte an Quellen, Belege, überprüfbare Fakten. Doch das hier folgte keiner Logik und keinem System. Dies hier war anders. Etwas an diesem Mann wirkte verstörend, beinahe hypnotisch. Es war deshalb auch keine Bitte gewesen, eher ein Befehl, dem man sich kaum entziehen konnte.
»Und was soll ich damit tun?«, fragte Mike.
Der Fremde beugte sich leicht vor.
»Passen Sie gut darauf auf und warten Sie auf mich!«, sagte er so leise, dass es niemand sonst hören konnte. »Ich bin gleich wieder zurück. Dann erkläre ich Ihnen alles!«
Mehr sagte der Mann nicht. Durch das Fenster schien er etwas entdeckt zu haben, das ihm sichtlich Angst bereitete. Ohne ein weiteres Wort wandte er sich um und verschwand ebenso schnell wie er gekommen war.
Mike überlegte noch, was das gewesen sein mochte, da kam ihm bereits ein erster Gedanke: War dieser Umschlag womöglich Teil eines Spiels, das Feline eingefädelt hatte? Gehörte dieser alte Mann zu ihrem Team? War das eine ihrer verrückten Ideen, alte Geschichte lebendig werden zu lassen?
Stein hatte ihn gewarnt, dass diese Fremdenführerin mitunter zu außergewöhnlichen Ideen neigte und er sich besser darauf einstellen sollte. Das würde natürlich erklären, woher dieser Mann seinen Namen kannte. Feline hatte ihn ihm genannt.
Also ließ er sich auf dieses Spiel ein.
Er wandte sich dem Umschlag zu, der nun auf dem Tisch vor ihm lag. Auf den ersten Blick wirkte dieser unscheinbar. Erst als Mike ihn wendete, bemerkte er ein seltsames, etwa handflächengroßes Emblem, eingebrannt in das Papier. Es glich einer Schlange, die sich in den Schwanz biss und so einen Kreis um ein Ziffernblatt bildete. Doch wo sonst Zahlen standen, waren geheimnisvolle Symbole platziert; Zeichen, die Mike entfernt an Sternbilder erinnerten.
Das Siegel, das den Umschlag verschloss, bestand aus zwei Worten: Benedictio Sacratissimi. Daneben waren handschriftlich zwei Namen notiert, beide schwer zu entziffern. Doch schließlich gelang es Mike, sie zu lesen: Bérenger Saunière und Rennes-le-Château.
Weiter kam er nicht, denn Feline betrat in diesem Moment das Café.
»Bonjour, Mike!«, rief sie ihm schon von Weitem entgegen. Sie trug ein hellrotes T-Shirt mit der Aufschrift J’aime la vie et l’amour – Ich liebe das Leben und die Liebe – locker über einem weißen Minirock.
»Feline!«, rief Mike, schob den Umschlag unauffällig zur Seite und begrüßte sie herzlich. »Schön, dass du gekommen bist! Setz dich doch einen Moment!«
»Aber nur kurz«, sagte sie. »Wir sind spät dran und ich habe heute noch einiges mit dir vor. Du hast es hoffentlich nicht vergessen.«
»Wo denkst du hin! Ich freue mich schon darauf«, versicherte Mike. »Aber zuerst müssen wir noch etwas klären.«
»Ach ja?«, fragte Feline neugierig. »Was denn?«
In knappen Worten schilderte er, was wenige Minuten zuvor geschehen war. Er tat dabei so, als könne er das Ganze nicht recht einordnen - in der festen Annahme, alles würde sich gleich als harmloser Scherz aufklären.
Doch ihre Reaktion fiel anders aus.
»Na und?«, sagte sie schnippisch. »Du kennst den Typ nicht. Was interessiert uns dann dieser Umschlag? Du bist doch nicht die Post! Und frankiert ist er auch nicht. Sollst du etwa noch das Porto zahlen? Nein, lass gut sein. Komm, wir gehen. Was ich dir heute zeigen will, ist viel spannender als so ein alberner Umschlag. Versprochen!«
»Ich dachte, der Typ könnte vielleicht zu dir gehören?«, war Mike überrascht. »Bist du sicher, dass du nichts damit zu tun hast?«
»Mike!«, schmunzelte sie. »Mich gibt es nur solo. Ich brauche keine Komparsen für das, was ich tue.«
Sie lächelte, doch für einen Moment wirkte es, als müsse sie sich selbst davon überzeugen. In diesen Sekunden schien sich etwas in ihrem Gesicht zu verändern. Fast, als habe sie sich widersprochen. Doch gleich darauf lächelte sie wieder, zu unbeschwert, um nicht glaubwürdig zu sein.
Sie meinte es also ernst. Das war Mike jetzt klar.
Einen Moment lang sah er erst sie an, dann den Umschlag.
Wenn Feline tatsächlich nichts damit zu tun hatte, blieb die Frage umso dringlicher: Woher kannte der Fremde seinen Namen?
Mike war sich sicher: Er hatte diesen Mann noch nie gesehen. Und je mehr er darüber nachdachte, desto klarer wurde ihm: Er durfte das nicht einfach abtun. Er musste herausfinden, was hier gespielt wurde und welche Rolle ihm dabei zugedacht war.
»Ein Grund mehr, zu warten«, sagte Mike entschlossen und hielt Feline zurück, die bereits aufgestanden war, um zu gehen.
»Du bist also genauso neugierig, wie dein Chef«, sagte Feline und nahm wieder Platz. »Wenn Stein sich einmal in eine Sache verbissen hat, kriegt man ihn nicht mehr davon los. Ich hoffe, dir ist klar, dass dich das jetzt einen Kaffee kosten wird.«
»Gewährt«, erwiderte Mike und rief nach der Bedienung. Dann zeigte er Feline den Umschlag und deutete auf die beiden Namen. Wer, wenn nicht sie, könnte mit all ihrer Ortskenntnis vielleicht schon eine erste Antwort geben?
»Sag mal, gibt es hier in Rennes ein Château?«, fragte er und deutete auf den Namen auf dem Umschlag.
»Das ist ein Witz, oder?«, lachte sie. Es klang gequält. Sie schaute zuerst auf die Uhr, als habe sie keine Zeit, sich damit zu befassen, dann antwortete sie doch. »Es gibt viele davon. Vielleicht nicht direkt in der Stadt, aber am Rand durchaus. Das Château de la Monniais vielleicht? Oder das Château La Folie Guillemot? Lohnt sich allemal. Das Château de la Sallette-de-Cucé natürlich genauso. Wenn du willst, arrangiere ich morgen eine kleine Tour. Nur heute…«
»Nein«, bremste Mike. »Nicht so viele… Es muss ein ganz bestimmtes Château sein. Sieh mal hier: Le château. Es klingt... besonders.«
Feline zuckte mit den Schultern.
»Tut mir leid. Da bin ich raus. Ich wüsste jetzt nicht… Oder anders gesagt: Ist das überhaupt wichtig? Nur, weil´s auf einem Umschlag steht, der dir noch nicht mal gehört? Derjenige, der es geschrieben hat, wird schon wissen, welches Château gemeint ist. Kein Grund, sich verrückt zu machen.«
Mike lehnte sich vor und senkte die Stimme. Dabei sah er sie ernst an.
»Er wusste, wer ich bin.«
»Du spinnst doch«, lachte Feline. Sie hielt es für einen Scherz. »So leicht nimmst du mich nicht auf den Arm.«
»Es ist, wie ich sage. Dieser Mann kannte meinen Namen«, erwiderte Mike ruhig, doch weiter kam er nicht. Zwei Männer betraten das Café, ein massiger, durchtrainierter Typ und ein hagerer Begleiter, beide kaum älter als dreißig. Sie waren fast zu elegant gekleidet, beide komplett in Schwarz. Dunkle Sonnenbrillen verdeckten ihre Augen. Sie wirkten inmitten der warmen Farben des Cafés wie aus der Zeit gefallen; zu glatt und zu kontrolliert für diesen Ort.
Zunächst hätten sie Mike kaum weiter interessiert, doch dann sah er es: An ihren Jacketts trugen beide ein Schmuckstück, ein Pentagramm, besetzt mit glitzernden Steinen. Und plötzlich wirkte ihr Auftritt alles andere als zufällig.
Dann meinte Mike, ein knappes Nicken bemerkt zu haben, während die beiden im Eingangsbereich standen und sich schweigend einen Überblick verschafften. Einen Moment lang musterten sie auch Mike. Es war nur ein Blick, und doch fröstelte es ihn. Nicht, weil sie feindlich auf ihn wirkten, sondern weil sie ihn ansahen, als wüssten sie viel mehr über ihn, als er selbst es tat.
Als er ihren Blick ruhig erwiderte, wandten sie sich jedoch ab.
»Hast du die beiden schon mal gesehen?«, fragte Mike. »Der Linke hat dich wohl gegrüßt.«
Einen Sekundenbruchteil lang blickte Feline die beiden an, beinahe zu lange und zu gezielt, um unauffällig zu sein. Dann zuckte sie jedoch mit den Schultern.
»Tut mir leid. Ich kenne keinen von beiden. Vielleicht meinte er die Frau hinter mir«, entgegnete Feline achselzuckend. »Eine Kommilitonin, wir treffen uns oft in diesem Café.«
»Sie sieht dir tatsächlich ein wenig ähnlich«, scherzte Mike und ließ es dabei bewenden. Es schien zunächst nicht wichtig.
Wen auch immer die beiden suchten, diese Person schien nämlich nicht anwesend zu sein.
Die Männer warfen sich einen kurzen Blick zu. Dann deutete der massige Kerl zur Theke und ging dorthin. Sein Begleiter folgte. Sie bestellten ein Getränk und unterhielten sich mit der Bedienung. Was auch immer die beiden von ihr erfahren hatten, es schien sie zufrieden zu stellen.
Der hagere Mann nickte plötzlich knapp. Gleich darauf verschwand sein Begleiter Richtung Toilettenbereich. Wenig später kehrte er zurück und musterte noch einmal den Raum. Dann hob er kurz den Arm und deutete zum Hinterausgang.
Der andere verstand sofort. Ohne ein weiteres Wort verließen beide das Café. Für einen Moment blieb es still. Dann sah Mike, wie Feline ihn plötzlich aufmerksam musterte.
»Irgendwas gefällt mir an der Nummer nicht«, sagte sie. Es klang ehrlich, allerdings wusste Mike nicht, ob sie es wirklich ihm sagte – oder ob sie mit sich selbst sprach. Doch er nickte.
Er spürte es ebenfalls.
Die beiden waren nicht einfach Gäste gewesen. Es hatte einen anderen Grund, dass sie hier waren. Und sie waren noch nicht fertig, nicht mit diesem Café und auch nicht mit ihnen. Ganz sicher nicht.
Seine journalistische Neugierde war geweckt. Er musste wissen, was hier geschah, und das hielt ihn an diesem Ort fest, auch wenn Feline allmählich ungeduldig wurde und ihn zum raschen Aufbruch drängte.
»Feline«, redete er auf sie ein. »Wir können noch nicht gehen.«
Er griff fester nach dem Umschlag, der noch immer auf dem Tisch lag, und spürte, wie sein Puls schneller wurde.
Ob es das war, was die beiden gesucht hatten?
In diesem Moment fiel sein Blick zum Fenster. Draußen, an der Ecke gegenüber, stand der hagere Mann. Allein. Sein Blick war auf das Café gerichtet. Dann griff er zum Handy und entfernte sich.
Mike wusste nun endgültig: Etwas ging hier vor. Und er war bereits mittendrin.
»Hey, Mike!«, beschwerte sich Feline lautstark. »Hier bin ich!«
»Entschuldige bitte«, sagte er und schaute auf die Uhr. Wo der alte Mann blieb? »Ich war wohl kurz abgelenkt.«
»Keine Sorge, hat niemand bemerkt«, konterte sie ironisch. »Also?«
»Also… was?«
»Ich hatte dich etwas gefragt!«
»Und wieder muss ich mich entschuldigen«, sagte Mike.
Er bemerkte erst jetzt, dass er ihr tatsächlich nicht zugehört hatte. Seine Aufmerksamkeit galt der Stadt hinter der großen Fensterfront. Dort hatte sich in den letzten Minuten etwas verändert. Die Geräusche draußen wirkten gedämpft. Die Menschen bewegten sich hastiger, ihre Gesichter schienen angespannter als noch am Morgen. Zudem lag ein leichter Druck auf seinen Schläfen, als kündige sich etwas an. Oder bildete er sich das nur ein?
»Ich hatte dich gefragt, wann du zuletzt verliebt warst?«
»Das dürfte dich kaum interessieren«, wich Mike aus. Ihm war nicht danach, mit ihr über dieses Thema zu sprechen, auch wenn sie ein gutes Verhältnis zueinander aufgebaut hatten.
»Es ist also noch ganz frisch?«, schlussfolgerte Feline. »Wann habt ihr Euch getrennt?«
»Wie kommst du auf den Gedanken, ich hätte eine Trennung hinter mir?«, fragte Mike überrascht, denn eigentlich kannte sie ihn nur als fröhlichen Menschen.
»Sieh dich doch an: Ein hübscher junger Kerl wie du, offen, redegewandt, charmant, höflich und zuvorkommend…«
»Nicht übertreiben«, murmelte er und zwang sich zu lächeln. »Das klingt nach einer Kontaktanzeige, nicht nach mir.«
»Schlagfertig obendrein«, grinste Feline und lehnte sich zurück. »Ein Mann wie du sollte nicht tagelang allein in der Fremde unterwegs sein. Und wenn er es trotzdem ist, dann ist er meistens auf der Flucht. Liebeskummer, schätze ich. Muss noch ganz frisch sein.«
»Das leitest du aus welchen Indizien ab?«, staunte Mike. Offenbar hatte er ihre Klugheit und Menschenkenntnis unterschätzt. Das machte ihn neugierig, auch wenn er weiterhin abgelenkt war.
Sein Blick fiel auf eine Gestalt, die in eigenartiger Weise die Straße hinab ging, vorbei an der großen Fensterfront. Er konnte das Gesicht jedoch nicht erkennen.
»Es war dein Handy«, sagte Feline.
Mike fiel auf, dass ihre Hände die Tasse hielten, ein wenig zu fest.
»Aber das habe ich doch gar nicht bei mir?«
»Eben«, nickte Feline. »Ich habe dich noch nicht ein einziges Mal telefonieren sehen. Keiner ruft dich an, und du willst es offenbar genau so. Bedeutet: du möchtest in Ruhe gelassen werden. Wann ist das so? Nach einer Trennung. Glaube mir, ich weiß das. Männer sind so leicht zu durchschauen!«
Mike atmete aus und versuchte gute Laune zu zeigen, auch wenn ihm nicht danach zumute war.
»Nicht schlecht«, sagte er nur. »Und wie lautet Ihre Therapie, Frau Doktor?«
»Du musst sie vergessen. Die Welt ist groß. Es gibt so viele von uns da draußen.«
Er wollte schon kontern, doch dann blieb sein Blick am Schriftzug ihres T-Shirts hängen.
»Du meinst«, sagte er nachdenklich, »ich soll die Liebe leben.«
»Manchmal hilft´s ja«, erwiderte Feline und nippte an ihrem Milchkaffee. »Du weißt doch, dass du von mir so einiges lernen kannst, solange du hier bist und ich dich betreuen darf.«
»Ich wusste nicht, dass Walters Auftrag so weit reicht«, versuchte Mike zu scherzen. Er fühlte sich geschmeichelt, wollte auf ihre Avancen aber nicht eingehen, sofern sie überhaupt ernst gemeint waren. Natürlich war eine Frau wie Feline eine Versuchung wert, aber noch war er nicht bereit für etwas Neues, schon gar nicht für eine Affäre, die schon verloren war, ehe sie begann.
Irgendwann würde er wieder in Frankfurt an seinem Schreibtisch sitzen, hunderte Kilometer entfernt von Rennes - und damit auch von ihr. Das wollte er nicht.
»Was soll´s«, gestand er deshalb. »Wir haben uns getrennt und ich bin noch nicht darüber hinweg. Das ist alles.«
Feline wollte gerade etwas dazu sagen, als ein markerschütternder Schrei sie unterbrach. Er kam von draußen und war so schrill, dass er mühelos durch die Wände des Cafés drang.
Die Gespräche drinnen verstummten. Das Leben erstarrte. Für einen Moment schienen alle den Atem anzuhalten.
Draußen hetzte eine ältere Frau am Café vorbei. Ihre weiße Bluse war an mehreren Stellen mit dunklem Rot durchtränkt. Fassungslosigkeit stand ihr ins Gesicht geschrieben. Immer wieder stieß sie verzweifelte Schreie aus und riss die blutverschmierten Hände gen Himmel, als könne sie nicht begreifen, was geschehen war. Ein junger Mann eilte zu ihr, um sie zu stützen. Stimmen wurden laut. Andere blieben stehen, gaben Zeichen und riefen wild durcheinander. Chaos brach los.
»Um Gottes Willen«, erschrak Feline bei diesem Anblick und zerrte an Mike, in dessen Rücken sich die Szene abspielte. In ihrer Stimme lag weder Scherz noch Trotz, sondern nur noch Entsetzen. Und für einen winzigen Moment auch Angst. Echte Angst.
»Sieh doch!«
Mike war schlagartig hellwach. Beim Anblick der Frau zögerte er keine Sekunde. Instinktiv sprang er auf und rannte hinaus, getrieben von einer Mischung aus Hilfsbereitschaft und einer aufkeimenden Ahnung. Feline folgte ihm und auch andere Gäste des Cafés stürmten nun auf die Straße, um nachzusehen, was passiert war.
Während sich die meisten um die schreiende Frau kümmerten, erkannte Mike rasch: Sie selbst war unverletzt. Das viele Blut stammte nicht von ihr. Woher aber dann?
Noch während er darüber nachdachte, erkannte er, wie sich auf der anderen Seite des Platzes innerhalb kurzer Zeit eine weitere Menschentraube bildete, nahe einer Gasse, die - von seiner Position aus - im Schatten der Häuserfront schwer einsehbar war.
Ohne zu wissen warum, war Mike sofort klar, dass er dort gebraucht würde. Und dass er keine Sekunde verlieren durfte. Er rannte los, ohne nachzudenken. Dass er eine viel befahrene Straße überqueren musste, registrierte er zu spät.
Ein weißer Sportwagen schoss heran. Reifen quietschten.
»Pass auf!«, schrie Feline hinter ihm.
Mike spürte den Luftzug. Beinahe hätte ihn der Wagen erfasst und durch die Luft geschleudert.
Für den Bruchteil einer Sekunde hatte er direkt in die starren Augen eines Mannes gesehen. Nordländischer Typ. Kaltes Gesicht. Dann war der Wagen vorbei und Mike handelte, als wäre dies nie geschehen.
Er nahm die letzten Meter, die ihn noch von den Leuten trennte, die am Rand der Gasse einen Halbkreis bildeten. Schockiert und stumm starrten sie auf einen Mann, der reglos mit dem Gesicht nach unten auf dem Pflaster lag. Niemand wagte sich zu ihm. Nur Mike kämpfte sich durch, ohne zu überlegen, was er da tat.
Er fühlte an der Halsschlagader des Mannes den Puls, der kaum noch spürbar war. Seltsamerweise wurde er von keinem der Umstehenden daran gehindert.
»Können Sie mich hören?«, fragte Mike. Eine Antwort blieb aus.
Zuerst war da nur ein Stöhnen. Dann jedoch bewegte sich der Kopf in seine Richtung, langsam und mühsam. Als der Mann Mikes Gesicht erkannte, glitt für einen Moment ein erleichtertes, beinahe glückliches Lächeln über seine blutverschmierte Miene.
»Ich… habe gebetet… dass ich Sie noch einmal sehen darf…«, sagte er. Die Worte kamen abgehackt und waren unterbrochen von schweren Atemzügen.
»Bleiben Sie ruhig«, sagte Mike und versuchte, seine eigene Unruhe zu verbergen. »Hilfe ist unterwegs.«
Noch während er das sagte, war ihm bereits klar, dass er es nicht sicher wissen konnte. Er hoffte es bloß. Sicherlich waren die Rettungskräfte aber längst alarmiert worden.
»Hilfe… kommt… zu spät«, keuchte der Mann und hustete Blut. Dann gab er Mike ein Zeichen, dass er noch näher kommen sollte, bis sein Ohr fast die Lippen des Mannes berührte.
»Die Dokumente…«, stammelte er, während Mike mit seiner rechten Hand vorsichtig den Kopf des Verletzten stützte. Seine Stimme war noch schwächer geworden.
»Sie sind noch im Café«, sagte Mike.
»Sie… Sie... Sie müssen sie...«, stöhnte der Mann, der kaum noch Luft bekam. »Die Bewahrer des Lichts… bitte… Sicherheit... Sie müssen… in Sicherheit bringen… Zu ihm.«
Es waren seine letzten Worte.
Mike spürte, wie der Kopf des Verletzten nachgab.
Seltsam friedlich lag der Mann nun da. Seine Züge waren gelöst, als hätte ihn im Tod etwas berührt, das größer war als Schmerz. Und Mike spürte, dass dieser Moment mehr war als nur ein Abschied. Es war, als hätte der Tod des Mannes etwas in ihm in Bewegung gesetzt. Etwas Altes. Etwas Großes.
Vorsichtig bettete Mike ihn zurück auf die Straße. Noch einmal tastete er nach dem Puls. Er spürte ihn nicht mehr.
In diesem Moment vergaß er alles um sich herum. Er bekam nicht mehr mit, dass Feline hinter ihm auftauchte und ihn wegzog. Die Sirenen des Krankenwagens klangen wie aus einer anderen Welt. Die herbeieilenden Sanitäter registrierte er nur noch schemenhaft.
Seine Gedanken kreisten einzig um die Worte des Sterbenden.
Er sollte Dokumente in Sicherheit bringen. Diese konnten sich nur in dem Umschlag befinden. Aber wer waren die Bewahrer des Lichts? Und wen hatte der Mann gemeint, als er sagte, er müsse die Dokumente zu ihm bringen? Diesen Saunière, dessen Name auf dem Umschlag stand? Wer aber mochte das sein?
Und wo sollte er diesen Mann finden?
»Hallo! Wach auf!«
Feline schüttelte Mike heftig an den Schultern. Ihre Stimme bebte.
»Bitte, komm wieder zu dir!«
»Wie...?«
Verwirrt sah Mike sich um.
Es war, als würde er aus einem schlimmen Traum erwachen. Rundherum sperrten Gendarmen den Tatort ab, spannten flatternde Bänder, gaben lautstark Kommandos und drängten die Menge zurück. Mediziner beugten sich bereits über den Toten.
Erst jetzt bemerkte er, dass sie wieder vor dem Café standen. Dass Feline ihn mit viel Mühe hierher gezerrt hatte, hatte er nicht mitbekommen.
»Was zum Teufel machen wir hier?«, fragte Mike entrüstet und wollte sich losreißen. »Wir müssen sofort zurück! Schnell!«
»Bist du total von Sinnen?«, rief Feline und stemmte sich verzweifelt gegen ihn. Ihre Hände krallten sich in sein T-Shirt. »Was ist denn los mit dir? Da kannst du nichts mehr tun! Der Mann ist tot! Verstehst du denn nicht? Er ist tot!«
Ihre Stimme überschlug sich fast beim letzten Wort. Sie presste die Lippen aufeinander. Ihr Gesicht war blass, die Pupillen waren geweitet. Zum ersten Mal hatte sie einen Menschen sterben sehen. Doch Mike konnte keine Rücksicht darauf nehmen. Er durfte keine Emotionen zulassen und musste handeln.
»Doch!«, entgegnete er deshalb. »Die Gendarmen... ich muss ihnen sagen, was ich weiß. Sie müssen mir helfen!«
Unwillkürlich fiel sein Blick erneut auf den Schriftzug ihres T-Shirts, der nun wie ein böses Omen über diesem Tag lag. Ich liebe das Leben. Ein bitterer Satz im Angesicht des Todes.
»Was du weißt?« Feline wirkte ratlos. »Du hast nicht gesehen, wie es passiert ist! Was willst du erzählen? Willst du sie verwirren? Dich selbst noch in Schwierigkeiten bringen?«
Ihre Worte klangen verzweifelt, beinahe flehend, und doch auch klug und überzeugend. Er konnte den Polizisten tatsächlich nichts sagen. Und die Worte des Sterbenden schienen nur für ihn bestimmt gewesen.
Er war die Sache also falsch angegangen.
»Wie immer hast du recht«, sagte er, zwang sich zu einem Lächeln, und küsste Feline flüchtig auf die Stirn, um ihr den Halt zu geben, den sie brauchte. So wie sie jetzt gebraucht wurde. Ohne ihre Hilfe würde er den Empfänger dieses Briefes niemals finden können, und nur darum konnte es noch gehen.
Beide mussten also einen kühlen Kopf bewahren.
Statt mit Gendarmen zu sprechen, würde er zuerst den Umschlag in Sicherheit bringen, überlegte Mike. Das war sein Auftrag. Das war er dem Toten schuldig, auch wenn er diesem Mann nie zuvor begegnet war. Dass dieser seinen Namen gekannt hatte und ihm vertraute, reichte Mike als Grund.
Er lief zurück ins Café, zurück zu seinem Platz. Der Umschlag lag noch immer da. Niemand hatte sich dafür interessiert. Mike nahm ihn an sich und ging wieder hinaus.
Feline wartete. Sie stand da und hielt die Arme verschränkt, als müsse sie sich selbst schützen. Ihre Augen suchten Sicherheit bei ihm. Doch Mike war gedanklich längst auf einer privaten Mission unterwegs. Er hatte etwas zu erledigen. Und die Zeit drängte.
»Ich weiß, ich habe dich das vorhin schon mal gefragt, aber jetzt ist es verdammt wichtig…«, sagte er und legte ihr ruhig, aber bestimmt die Hände auf die Schultern, um auch ihren Fokus zu schärfen. »Gibt es in Rennes ein besonderes Château? Oder kennt man hier den Namen Saunière? Wie finden wir raus, wo er wohnt?«
Feline schluckte. Ihre Lippen zitterten leicht. Aber auch sie zwang sich, klar zu denken. Und tatsächlich, sie hatte eine Idee.
»Fragen wir im Rathaus? Die Verwaltung könnte es wissen.«
Mike war sofort damit einverstanden. Nun hatten sie etwas, woran sie beide sich festhalten konnten, ein gemeinsames Ziel, den Place de la Mairie, nur einen Katzensprung entfernt.
In den vergangenen Tagen war Mike schon einige Male über diesen herrlichen Platz geschlendert. Auch das imposante Gebäude mit seinem barocken Turm war ihm vertraut, allerdings nur von außen.
Das sollte sich jetzt ändern.
Hastig betrat er das Rathaus, Feline dicht hinter ihm. Doch weit kamen sie nicht. Gleich im Eingangsbereich wurden sie von einer leger gekleideten Mitarbeiterin gestoppt. Sie saß hinter einer Glasscheibe und war gerade damit beschäftigt, einige Akten zu sortieren. Sie winkte die beiden zu sich und wollte wissen, was sie denn für sie tun könne.
Feline wollte es gerade erklären, doch Mike kam ihr zuvor.
»Pardon, Madame. Je cherche un certain château… ici à Rennes.«
Mit angespannter Stimme versuchte er, der Frau klarzumachen, dass er sich nach dem Château von Rennes und dessen Besitzer erkundigen wollte. Seinen Akzent konnte er dabei nicht verbergen.
»Ah, Sie sind aus Allemagne?«, fragte die Frau höflich in brüchigem Deutsch.
»Aus Frankfurt!«, antwortete Mike, aufgeregt und zugleich erleichtert, dass sie seine Sprache verstand. »Mein Name ist Mike Dornbach. Eigentlich Michael, wie der Erzengel, aber das ist jetzt nicht entscheidend. Wir suchen…«
»Frankfurt?«, unterbrach sie ihn begeistert. »Das ist ja ein, wie sagt man bei Ihnen, netter Zufall? Mein Sohn macht dort seine Studien gerade und mein Vetter besitzt ein großes Unternehmen in der Stadt!«
Mike rang sich ein Lächeln ab. Small Talk war das Letzte, was er jetzt wollte, aber die Frau war sympathisch. Er hörte geduldig zu, wie sie von ihren Besuchen im Spessart erzählte und wie wunderschön die Gegend doch sei, in der er lebte. Schließlich beendete sie das Thema von selbst, ehe Mike hätte eingreifen müssen.
»Aber lassen wir das Sprechen über Ihre Heimat, Monsieur. Sie sind gekommen, weil Sie haben eine Frage?«
»Oui, Madame. Wir suchen das Château in Rennes. Eines, in dem ein gewisser Monsieur Saunière wohnt.«
Er reichte ihr den Umschlag und deutete auf die Namen.
Die Dame griff nach einer Brille und setzte sie auf, um die Schrift besser erkennen zu können.
Irgendetwas hatte sich danach verändert.
Für einen Sekundenbruchteil war da etwas, das nicht dort sein sollte. Eine Regung, die Mike nicht deuten konnte. War es Irritation? Erinnerung? Oder gar Schuld?
Die Frau musterte ihn einen Moment lang. Ein Ausdruck von Überraschung, fast Unsicherheit, huschte über ihr Gesicht. Dann reichte sie ihm den Umschlag zurück.
Ihr Tonfall war kühler geworden. Das freundliche Interesse war nüchterner Sachlichkeit gewichen.
»Entschuldigen Sie mich, ich muss kurz telefonieren.«
Ohne weitere Erklärung stand sie auf und verschwand in einen angrenzenden Raum. Die Glastür fiel hinter ihr ins Schloss.
Sekunden verstrichen. Jede einzelne zog sich endlos.
Durch die Scheibe hörte Mike ihre gedämpfte Stimme, konnte aber kein Wort verstehen. Er spürte nur, wie sich seine Muskeln anspannten, jederzeit zur Flucht bereit.
Der Mord hatte Spuren hinterlassen, nicht nur bei ihm. Feline schien es nicht anders zu ergehen.
Nach einer gefühlten Ewigkeit kehrte die Frau zurück.
Langsam setzte sie sich, nahm die Brille ab, und hielt sie in beiden Händen. Dabei stützte sie sich mit den Ellbogen auf den Tisch. Und plötzlich war sie wieder da, diese überschwängliche Freundlichkeit.
»Monsieur! Das ist ein Missverständnis«, sagte sie.
»Ein Missverständnis?«
»Ja! Eine Verwechslung. Sehen Sie: Hier es sich handelt um Rennes-le-Château!«
Sie zog eine Landkarte hervor und breitete sie mit bedächtiger Geste auf dem Tisch aus. Ihr Finger glitt langsam über das Papier, bis er auf einen winzigen Punkt nahe der Mittelmeerküste im Süden zeigte.
»Das ist ein kleiner Ort am Rande der Pyrenäen. Den meinen Sie?«
Mike betrachtete die Karte.
Die Frau schien ihn genau zu beobachten, ebenso aufmerksam wie kontrolliert. Das machte ihn nervös. Oder bildete er sich das nur ein? Egal. Es spielte keine Rolle. Er hatte jetzt eine Spur. Ein kleines Dorf, das überschaubar groß war. Dort würde er Bérenger Saunière finden. Dort warteten Antworten.
»Ich kann Ihnen nicht genug danken!«, sagte Mike erleichtert und sah zu Feline. »Kommst du mit?«
»Wenn Sie dorthin fahren möchten, können Sie diese Karte gerne mitnehmen«, bot die Dame an.
»Wenn das möglich ist?«, nahm Mike dankend an.
»Bien sûr!«, sagte sie. Auf jeden Fall.
Mit ruhiger Hand zog sie einen Kreis um Rennes-le-Château.
»Damit Sie können den Ort leichter finden!«
Mike faltete die Karte und verabschiedete sich.
Als sie zur Tür gingen, warf er einen letzten Blick zurück.
Die Frau hatte erneut den Hörer in der Hand. Für einen Moment kreuzten sich ihre Blicke. Ein eiskalter Schauer lief ihm über den Rücken. Doch er zwang sich, weiterzugehen. Es war nicht die Zeit, sich von vagen Eindrücken aufhalten zu lassen.
Feline dagegen blieb abrupt stehen. Ihre Stirn war gezeichnet von tiefen Falten.
»Was ist los mit dir?«, fragte Mike.
Feline schaute zurück zum Eingang.
»Vielleicht ist es nichts…«, sagte sie zögerlich. »Vielleicht ist es aber auch genau das. Findest du es nicht seltsam, dass diese Frau ein kleines Dorf irgendwo in Südfrankreich kannte? Ich meine… die wissen sicher viel, aber das… war doch merkwürdig.«
»Sie hat nachgefragt. Hast du doch gesehen.«
Feline schüttelte kaum merklich den Kopf.
»Ich habe gesehen, wie sie gezögert hat. Wie sie den Umschlag angeschaut hat… als wisse sie mehr, als sie sagt. Und dann dieses Telefonat… als müsste sie sich erst absichern. Mike… da ist gerade ein Mann gestorben. Sollte man da nicht etwas vorsichtiger sein?«
Mike schwieg. Ein Teil in ihm gab ihr recht. Doch er konnte sich solche Gedanken jetzt nicht leisten. Es ging um mehr. Er wurde gebraucht. Dem hatte sich alles andere unterzuordnen.
»Du malst den Teufel an die Wand«, sagte er deshalb. Doch die Worte klangen leer. Kaum hatte er sie ausgesprochen, wusste er, wie sehr.
Feline hatte etwas gespürt, aus gutem Grund. Etwas an der ganzen Situation war falsch gewesen. Es lief überraschend glatt und viel zu kontrolliert. Doch er durfte es sich nicht eingestehen. Nicht, solange es für alles noch eine harmlose Erklärung geben konnte.
Er war Journalist, der sich von Fakten leiten ließ; keiner, der an Verschwörungen glaubte. Nur darauf kam es jetzt an.
»Sicherlich ist es nichts…«, sagte sie nachdenklich. »Aber mein Gefühl lügt selten. Du weißt das. Auch wenn du es gerade nicht hören willst.«
Mike verstand und nickte.
Es war nicht die Sorge vor einer Lüge, die sie beide verband, sondern die Ahnung, dass hinter allem eine Wahrheit lauerte, der keiner von ihnen entkommen konnte.
Es war weit nach Mitternacht, als dumpfes Klopfen durch die Katakomben eines süddeutschen Zisterzienserklosters hallte. Nur eine Handvoll Eingeweihter kannte den geheimen Zugang zu diesem Refugium. Seit den Tagen Kaiser Barbarossas diente es dem innersten Zirkel als Ort der Vorbereitung auf das Kommende.
Wo einst der Geruch von Moder das Atmen erschwert hatte, strömte heute dauerhaft frische Luft durch ein ausgeklügeltes System silberner Rohre und Filter.
»Treten Sie ein«, rief eine sonore Männerstimme aus der Tiefe des Raums.
Die Tür öffnete sich schwerfällig.
Dahinter lag ein schwach erleuchteter Saal, so groß wie eine kleine Kapelle. Fenster gab es hier unten keine, dafür umso mehr Regale, gefüllt mit Hunderten alter Bücher und unzähligen Dokumenten, die die steinernen Wände fast ganz verdeckten. Dieses Wissen war jedoch nicht für die Welt bestimmt, sondern einzig dem Orden vorbehalten. Hier wurde es bewahrt und verteidigt.
Wer diesen Ort betrat, tat es nicht leichtfertig, auch der Großmeister nicht. Seit Stunden verweilte er hier, um sich zu vergewissern, dass er das Richtige getan hatte.
Über alte Seiten gebeugt, die verstreut auf dem massiven Tisch aus Eichenholz lagen, notierte er mit ruhiger Hand Gedanken und Beobachtungen. Dennoch fiel es ihm schwer, sich zu konzentrieren.
Die weiße Kutte mit dem goldenen Wappen auf der Brust vermochte seine Anspannung kaum zu verbergen. Zu lange wartete er schon auf die eine Nachricht, die ihm endlich Gewissheit bringen sollte.
War Dornbach wirklich der, den die Schriften angekündigt hatten? Der, durch den sich endlich erfüllen würde, was seit Jahrhunderten geweissagt worden war?
Die Stunden waren verstrichen, ohne dass eine Nachricht eingetroffen war. Vielleicht hörte er sie nun, die erlösende Botschaft.
»Kommen Sie näher, Thomas«, sagte der Großmeister. Er hob den Blick und fixierte den Ordensbruder, der zögernd eintrat. Sein Haupt war gesenkt, die Hände hielt er wie zum Gebet gefaltet.
»Bringen Sie gute Nachrichten?«, fragte der Großmeister. »Die Zeit drängt. Wir müssen wissen, ob er bereit ist, sein Leben zu geben, um neu geboren zu werden.«
Doch Thomas wich der Frage aus.
»Euer Eminenz«, rang er nach den richtigen Worten, wohl wissend um die Tragweite dessen, was er zu berichten hatte. »Es tut mir unendlich leid... Es gab... einen Zwischenfall.«
Äußerlich gefasst, fuhr dem Großmeister ein Schock durch die Glieder. Trotz aller Erfahrung war auch er nicht frei von solchen Regungen. Doch seine Pflicht war es, Haltung zu bewahren und Führung zu zeigen, gerade in solchen Momenten.
»Dornbach. Ist er…«, zögerte der Großmeister, seine Befürchtung offen auszusprechen.
Sie alle kannten die Gefahr. Wer das heilige Wissen bewahrte, wusste um den Preis. Es war eine ehrenvolle Aufgabe, manchmal aber auch nur das Hinauszögern des Unvermeidlichen.
Doch Dornbach gehörte nicht zu ihnen. Und keiner wusste, ob er es je tun würde; ob er es sein würde, der die Brüder vereinen und die ewigen Barrieren durchbrechen konnte. Die alten Schriften nannten keinen Namen, nur Hinweise: Ein Suchender des Wortes, geboren unter dem Zeichen des fallenden Sterns.
Eines Tages war der Großmeister Dornbach begegnet, seinen Artikeln, seinem Geburtsdatum, seiner Herkunft. Dabei hatte er Spuren und Zusammenhänge entdeckt, die er nicht mehr ignorieren konnte. Es waren Schatten aus der Vergangenheit, die sich wie unsichtbare Hände um den jungen Journalisten schlossen und ihn näher an das Herz des alten Geheimnisses führten.
Alle Zeichen hatten auf ihn gedeutet, doch der Großmeister brauchte eine letzte Gewissheit, denn die Schleier zwischen den Dimensionen begannen sich zu lichten und die Schwarze Sonne war nah.
In diesen heiligen Momenten wäre Dornbach nicht für vergängliche Worte in einer Zeitung bestimmt gewesen. Sein Platz wäre an der Seite derer, die im Verborgenen wachten. Doch noch war er unvorbereitet und wusste nicht, welche Gefahren auf ihn lauerten. Ohne ihre Hilfe würde er den Mächten nicht standhalten.
Hatte er ihn also zu früh in die Schattenwelt gestoßen?
»Nein, er lebt«, zerstreute Bruder Thomas diese Befürchtung sofort. Die Nachricht, die er überbrachte, hatte dennoch Gewicht. »Es ist Bruder Gérard... Er ist...«
Für einen Moment blieb es still. Der Großmeister rang um Worte und Gefühle. Er hatte oft geschworen, kein Leben mehr für den Orden zu opfern. Trotzdem hatte er es immer wieder getan, weil es sein musste, damit das Gleichgewicht gewahrt blieb.
Gérards Tod jedoch traf ihn härter als alle zuvor. Er war mehr als ein Gefährte gewesen. In den langen Jahren des Wartens und des verborgenen Kampfes war er ihm zum Halt geworden; ein Bruder, dessen Loyalität unerschütterlich war.
Bei all den Ordensleuten, die an seiner Seite schon gefallen waren, traf ihn dieser Tod besonders. Er war ohne Vorzeichen gekommen und brach wie ein dunkles Omen in jene Ordnung ein, die sie in dieser Zeit des heraufziehenden Unheils am dringendsten gebraucht hätten. Es schien, als sei die unsichtbare Schwelle, vor der er sich seit so langer Zeit fürchtete, einen Schritt näher gekommen.
»Gibt es Hinweise auf den Täter?«, erkundigte sich der Großmeister nach einer Weile des Schweigens. »Spuren? Zeugen? Irgendetwas, das Klarheit in die Sache bringen kann?«
»Nein«, antwortete Thomas mit bedrückter Stimme. »Unsere Quellen… Sie wissen es nicht. Es gibt keine Hinweise und kein Motiv. Sie tappen im Dunkeln.«
»Was ist mit den Dokumenten?«
Thomas senkte den Blick noch etwas tiefer.
»Verschwunden«, sagte er. »Sie waren nicht mehr bei ihm. Nicht in seiner Unterkunft. Nicht in der Kirche. Man vermutet… sie haben sie… in ihre Hände bekommen, als sie ihn...«
Er brachte den Gedanken nicht mehr über die Lippen. Doch der Großmeister hatte längst verstanden. Vielleicht gab es aber noch eine andere Möglichkeit.
»Was ist mit dem Journalisten? Hat er mit Gérard gesprochen? Könnte Gérard ihm die Papiere sogar gegeben haben?«
»Ich fürchte nicht«, erwiderte Thomas. Er hielt kurz inne, als müsste er selbst noch begreifen, wie rasch sich das Schicksal gewendet hatte.
»Das Treffen war erst für den Abend im Kloster Mont-Saint-Michel angesetzt, unter dem Schutz seiner Mitbrüder. Doch dazu kam es nicht mehr. Dieser junge Mann ist auch nicht dorthin gereist. Man sah ihn zuletzt im Rathaus. In Begleitung einer Frau.«
»Wir müssen wissen, was er vorhat«, fluchte der Großmeister. Die Dinge bewegten sich schneller, als er es geplant hatte. Nun musste er besonnen und überlegt handeln, damit sie sich nicht seiner Kontrolle entzogen. »Keine Fehler mehr, Thomas!«
Einen Moment lang schloss der Großmeister die Augen. Dann erhob er sich. Der Stoff der Kutte glitt über die kalten Steine, als er in die Mitte des Raumes trat und den Blick zur gewölbten Decke schweifen ließ, als suche er Antwort bei Mächten, die viel zu lange geschwiegen hatten. Doch sie blieben stumm, auch wenn längst noch nicht alles ausgesprochen war.
Und doch schwebte die verborgene Wahrheit zwischen den beiden Männern wie ein unheilvoller Schleier.
Nur Bruder Thomas lagen die Worte auf der Zunge, doch Furcht hielt sie noch zurück. Es wäre eine Wahrheit, die alles verändern konnte.
Schließlich nahm er allen Mut zusammen.
»Auch Gérard starb durch eine Klinge«, sagte er mit gedämpfter Stimme. »Doch es war nicht mehr dieselbe. Diese hier… hatte die Form einer Lanzenspitze.«
»Das ist nicht möglich!«, erschrak der Großmeister, doch in seinem Innersten wusste er, was diese Worte bedeuteten. Es war nicht nur ein Mord, es war eine Botschaft; eine Botschaft an ihn ganz persönlich.
Jener, den der Großmeister am meisten fürchtete, war ihnen nah, wahrscheinlich näher, als er es je für möglich gehalten hätte. In diesem Fall musste er sich einer bitteren Wahrheit stellen: Sie alle, auch er, waren von ihm getäuscht worden. Menoir wäre es dann nicht gelungen, den Speer des Schicksals in Sicherheit zu bringen, bevor er starb, auch wenn sie alle davon ausgegangen waren.
Der Großmeister brauchte Klarheit und konnte nur hoffen, dass er sich irrte, denn diese Waffe war mehr als nur ein uraltes Zeichen, das die ihnen gesetzten Grenzen durchbrach. In seinen Händen war sie das Ende der Zeit.
Und noch etwas beschäftigte ihn.
Wenn er Gérard aufgespürt hatte, dann musste es einen Verräter in ihren Reihen geben, wie damals, als schon einmal einer von ihnen der Versuchung erlag und den Söhnen Luzifers den Weg geebnet hatte, verkauft für dreißig Silberlinge.
Dann stünde die Identität des Wächters auf dem Spiel, und damit auch das Leben des jungen Journalisten. Er wäre den Söhnen hilflos ausgeliefert. Sie gaben sich freundlich, nahbar und unterstützend. Sie würden ihm ihre Hilfe anbieten. So agierten sie immer, wenn sie ihre Ziele erreichen wollten. Die Söhne Luzifers, und ganz besonders er, lenkten Worte und Gedanken, schürten Zweifel und manipulierten die Menschen, bis diese glaubten, sie seien ihre Verbündete. Und gerade dann, wenn man ihnen am meisten vertraute, schlugen sie zu.
Ohne Vorwarnung und ohne Gnade.
Der Großmeister brauchte also Klarheit und konnte nur hoffen, dass er sich irrte, hatten sie nach jenem Verrat doch alles getan, um so etwas für alle Zeiten zu verhindern. Sie hatten Schwüre erneuert, Weisungen verschärft und jeden Bruder geprüft.
Er kehrte an den Tisch zurück, griff zur Feder und schrieb hastig einige Zeilen; Worte, die nur ein ganz bestimmter Bruder lesen durfte - für den Fall, dass das Schicksal ihnen aus den Händen glitt. Schließlich versiegelte er das Schreiben mit Wachs und stemmte sich gegen die Tischkante.
»Ich habe einen Auftrag für Sie, Thomas», sagte er entschlossen und bereit, sich auch diesem Kampf zu stellen. »Rufen Sie den innersten Zirkel zusammen. Sie müssen wissen, was geschehen ist. Und was ich nun zu tun gedenke.«
»Sie sollten das nicht tun«, ahnte Thomas, was der Großmeister meinte, und versuchte ihn davon abzubringen, sich selbst um den Journalisten zu kümmern. Das konnten anderen tun.
Doch der Großmeister kannte seinen Platz.
»Wissen wir, wo er sich aufhält?«, fragte der Großmeister.
»Er befindet sich noch immer in Rennes.«
Der Großmeister dachte nach. Also war noch nicht alles verloren.
»Gut. Dort wird ihm nichts passieren. Er ist weit genug entfernt.«
Für einen Augenblick wirkte er erleichtert. Dennoch wusste er, dass die Gefahr damit nicht gebannt war. Es war nur eine Frage der Zeit, bis dieser Ort zu seinem Schicksal wurde.
»Wir müssen ihn von Rennes-le-Château fernhalten«, sagte er. »Ohne unsere Hilfe schwebt er dort in großer Gefahr.«
Und plötzlich schien es ihm, als sei alles erst gestern gewesen.
Die Jahre waren zerronnen wie Sand. Er hatte längst vergessen, wie alt er war und wann er diesen Ort zum letzten Mal betreten hatte. Weil es keine Rolle mehr gespielt hatte. Bis zu diesem Tag.